Im Zentrum Berlins verlieren die Grünen ein sicher geglaubtes Rathaus, die Linke triumphiert. Ein Blick auf die Wahlkarte verrät viel über ihren Erfolg. Alles Wichtige in unserer Wahlanalyse.
Tagesspiegel vom 21.09.2026 von Masha Slawinski und Valentin Petri
Auch auf Bezirksebene gibt es im Zentrum Berlins einen deutlichen Wahlsieger: Die Linke liegt mit 33,7 Prozent weit vor den Grünen und ist damit Anwärterin auf das Amt der Bezirksbürgermeisterin.
„Unglaublich“, sagt Linken-Spitzenkandidat und Bürgermeister-Kandidat Christoph Keller noch am Wahlabend am Telefon. Mit 21 Sitzen bildet seine Partei künftig die stärkste Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). „In dieser Höhe habe ich persönlich ehrlicherweise auch nicht damit gerechnet“, sagt Keller.
Er versteht das Ergebnis als Auftrag an seine Partei, künftig den Bezirksbürgermeister zu stellen. „Das ist ein deutliches Zeichen, dass Die Linke offenbar ins Rathaus Tiergarten einziehen soll“, sagt Keller. Doch um den Chefsessel im Amtssitz des:der Bezirksbürgermeister:in zu übernehmen, braucht der Wahlsieger noch mindestens eine andere Partei. Eine Zählgemeinschaft, wie man die Koalitionen auf Bezirksebene nennt, kann er sich mit den Grünen gut vorstellen, sagt Keller. Er wolle an die „gute Arbeit“ der derzeitigen Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger und das „solidarische Miteinander“ im Bezirksamt anknüpfen. Zusammen kämen die beiden Parteien auf 34 der 55 Sitze in der BVV – eine komfortable Mehrheit.
Grünen-Bezirksbürgermeisterin geschlagen: „Ich bin sehr traurig“
Die Grünen verlieren gut sechs Prozentpunkte und ziehen nur noch mit 13 Bezirksverordneten in die BVV ein. Der Spitzenkandidatin und bisherige Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger ist die Enttäuschung am Morgen nach der Wahl anzuhören. „Ich bin sehr traurig, ich habe das gern gemacht“, sagt sie. „Ich habe nicht so viel Kritik bekommen, dass ich das Gefühl bekommen musste, abgewählt zu werden.“
Die Wahlniederlage und den großen Vorsprung der Linken erklärt sich Remlinger auch mit der starken Polarisierung durch den Krieg im Nahen Osten. „Der Populismus hat die internationalen Themen mobilisiert, die wir hier nicht lösen können“, sagt sie. „Wir haben es nicht geschafft als Grüne im Land überhaupt sichtbar zu werden.“ Es sei der Partei nicht gelungen, die Polarisierung zwischen CDU und Linken aufzuhalten, oder nennenswert eigene Themen zu setzen.
SPD verliert Stadtratsposten
Nun stehen erst einmal Gespräche mit den Linken an. Ganz einfach wird das aus Remlingers Sicht nicht. „Für mich ist immer am schwierigsten die Vorstellung, mit den Linken einen Haushalt hinzukriegen, weil es heißt immer, dafür muss Geld da sein.“ Die Haushaltsmittel seien nunmal begrenzt, gerade für die Bezirke. "Frau Eralp wird damit zutun haben, Einsparungen zu vermitteln.“ Ob sie als Stadträtin im Bezirksamt weitermacht, da ist Remlinger sich noch nicht ganz sicher.
Die CDU büßt mit 7,4 Prozentpunkten zwar am meisten, dürfte ihren Stadtratsposten im Bezirksamt aber wohl behalten. Anders sieht es bei den Genossen: Die SPD und AfD lieferten sich am Wahlabend ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das die SPD mit 10,4 Prozent für sich entschied. Damit verliert die SPD ihren bisherigen Stadtratsposten. „Das ist sehr bitter“, sagt SPD-Spitzenkandidatin Alexandra Wend. Für die bisherige Zählgemeinschaft von Grünen und SPD reicht es ebenfalls nicht mehr. Neu in die BVV ziehen das BSW mit zwei Sitzen und Volt mit einem Sitz ein.
Der lila Wedding, das grüne Moabit
Schaut man sich die politische Karte an, fällt vor allem eines auf: Der Wedding ist lila. Die Linke schneidet in den international geprägten Kiezen besonders stark ab. In manchen Wahllokalen erreichte sie sogar Werte über 55 Prozent. Aber auch rund um den Alexanderplatz haben sie deutlich die Nase vorn. Die Grünen bleiben in Moabit sowie der Spandauer und Oranienburger Vorstadt auf Platz 1. Rund um Unter den Linden kann sich die CDU noch halten.
Der Durchmarsch der Linken zeigt sich auch auf Landesebene: Die Linke gewinnt vier der sieben Direktmandate. Für sie ziehen Leonard Diederich (Wahlkreis 2), Andreas Umgelter (Wahlkreis 5), Martha Kleedörfer (Wahlkreis 6) und Deike Janssen (Wahlkreis 7) direkt ins Abgeordnetenhaus ein. Drei der bisher fünf direktgewählten Grünen-Abgeordnete konnten ihre Wahlkreise halten: Silke Gebel (Wahlkreis 1), Jian Omar (Wahlkreis 3) und Taylan Kurt (Wahlkreis 4), der bei den Erststimmen ganze 15 Prozentpunkte über dem Ergebnis seiner Partei liegt. Die hat CDU ihre beiden Direktmandate verloren.
Auch bei den Zweitstimmen ist die Linke in Mitte mit 35,9 Prozent stärkste Kraft und liegt damit über ihrem berlinweiten Ergebnis. Die Grünen folgen mit 18,2 Prozent, die CDU mit 14,1 Prozent und die SPD mit 11 Prozent. CDU und SPD verloren gegenüber 2023 deutlich an Stimmen, während AfD (8,9 Prozent) und BSW (4,3 Prozent) zulegten.
