Morgenpost vom 22.09.2026

im Festsaal Kreuzberg tanzt Elif Eralp am Sonntagabend ausgelassen, während der kurdische Freiheitsgesang „Jin, Jiyan, Azadi“ ertönt, als hätte man gerade ein Regime gestürzt statt ein Abgeordnetenhaus gewählt. Clan-Boss Issa Remmo gibt sich kurz vorher auf einer anderen Wahlparty in Neukölln die Ehre, offenbar ganz selbstverständlich. Am Ende des Abends steht ein historischer Erfolg: Die Linke hat ihren Stimmenanteil mehr als verdoppelt und ist erstmals stärkste Kraft in Berlin.

25,7 Prozent für die Linke, deutlich vor der bisher regierenden CDU (18,8), der AfD (16,3), den Grünen (14,3) und einer historisch abgestraften SPD (12,1). Die Linke gewinnt 13,5 Punkte hinzu, CDU und SPD verlieren zusammen fast 16. Letzteres ist für die bürgerliche Mitte das eigentliche Debakel dieses Abends. Berlin hat seine Kräfteverhältnisse grundlegend verschoben.

Dabei macht die Linke aus ihren Vorstellungen keinen Hehl: Sie will große Wohnungskonzerne „vergesellschaften“. Ein Wort, das seine eigentliche Bedeutung nur notdürftig verschleiert: Enteignung. Dazu weniger Polizei zugunsten sozialer Arbeit. Ausgerechnet in Berlin, wo die Kriminalitätsrate ohnehin zu den höchsten im Bundesgebiet zählt. Man kann das für einen Kurswechsel halten oder für ein erhebliches Risiko.

Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung: Das Ergebnis ist demokratisch eindeutig zu respektieren. Mehr als jede vierte Stimme ging an die Linke, keiner anderen Partei gelang das. Einen Automatismus auf das Rote Rathaus gibt es trotzdem nicht, ebenso wenig die Pflicht anderer Parteien, radikale Forderungen einfach zu übernehmen.

Denn die meisten Stimmen bei einer Wahl zu erhalten, macht die Konzepte der Linken nicht automatisch richtig. Was kostet Enteignung? Und wer glaubt eigentlich ernsthaft, dass dadurch auch nur eine einzige neue Wohnung gebaut wird? Welche Folgen hat weniger Polizei für die Sicherheit? Wie hält es die Linke künftig mit dem Antisemitismus in den eigenen Reihen? Und wie passt der Auftritt eines Clan-Bosses auf einer ihrer Wahlpartys zu dem Anspruch, eine seriöse Regierungspartei zu sein? Diese Fragen lassen sich nach diesem Sonntag nicht mehr als Gedankenspiel abtun.

Beantworten müssen sie vor allem SPD und Grüne. Wie halten sie es mit einer Partei, die enteignen und die Polizei schwächen will und in Teilen ihrer Basis dem Antisemitismus bislang nur zögerlich Einhalt geboten hat? Die Antwort wird zeigen, wie ernst es beide Parteien mit sich selbst noch meinen.

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