Rivalität auf unterschiedlichen Ebenen: Kranzler, Nietenhosen und Amischlitten gegen Barock, Friedrich den Großen und preußischen Stechschritt.
Berliner Morgenpost vom 22.08.2026
Berlin Entgegen der alten Volksweisheit kann man durchaus Äpfel mit Birnen vergleichen. Jemand bekennt, dass ihm das eine Obst besser schmeckt als das andere – schon hat er verglichen. So lassen sich auch die beiden weltbekannten Berliner Prachtboulevards vergleichen, auch wenn Unter den Linden eben von Linden , der Kurfürstendamm aber von Platanen gesäumt ist, und sich beide sowieso stärker unterscheiden als Äpfel und Birnen. Wer will, kann sie in Gedanken auch in einen Wettstreit schicken.
Die Älteren unter uns erinnern sich noch an die Mauerjahre , als der jeweils jenseitige Boulevard für manche Zeitgenossen gleich ganz aus der Stadt verschwunden war. In Ost-Berlin gab es nur Stadtpläne, auf denen ganz West-Berlin wüst und leer war, keine Straßen, Parks oder Häuser. Wolf Jobst Siedler wiederum, einst bekannter West-Berliner Schriftsteller und Chronist, frohlockte später mal in einem Essay: „Mit der unverhofften Wiedervereinigung des Landes wie der Stadt erhielt Berlin über Nacht auch die ,Linden‘ zurück.“ Es gab sie also gar nicht mehr.
Es stimmt schon, in den 1970er- und 80er-Jahren, im Kalten Krieg, war die jeweils gegenseitige Sicht auf beide Avenuen durchaus wunderlich. Im Westen staunte man, dass ausgerechnet die „Linden“ zum Symbol des Bekenntnisses der DDR zu ihrer preußischen Vorgeschichte wurden, als nämlich Erich Honecker dort das alte Reiterstandbild von Friedrich dem Großen wieder aufstellen ließ und gleich nebenan die Volksarmisten vor der Neuen Wache den preußischen Stechschritt aufleben ließen. Ganz anders aus Sicht der damaligen „Ost-Berliner Zeitung“ das Bild des Kurfürstendamms, das als „architektonischer Schandfleck“ mit „Konkurrenzfassaden“ beschrieben wurde, als Treffpunkt von „Schiebern, Spekulanten, Faulenzern, Dirnen und Konzernherren“ – sprachlich ja nicht weit entfernt von den Nationalsozialisten, die den „Kudamm“ als „undeutsch“ gehasst hatten und ihre Fackelzüge unter den Linden veranstalteten.
Die „meistdiskutierte Straße Deutschlands“: der Kudamm
Hauptstadt, das ist Staat, aber auch das Bürgertum. Unter den Linden hat sich die Staatsrepräsentanz zwischen dem Schloss und dem Brandenburger Tor mit seinen Palästen kaiserlich-königlich ausgetobt, durchweg mithilfe der größten Star-Architekten von Schlüter über Knobelsdorff und Langhans bis Schinkel und vielen anderen. Vom Hochbarock über den Neoklassizismus und Historismus bis zur stalinistischen Architektur ist dort alles zu sehen.
Und der Kudamm? Der gehörte noch gar nicht zu Berlin, als es im späten 19. Jahrhundert an dessen Ausbau vom Knüppeldamm zum Boulevard ging. Den betrieb 1875 per „Kabinettsordre“ zwar der große Staatsmann Otto von Bismarck , der nach seiner Siegesfeier 1871 bei Paris die Champs-Élysées nicht mehr vergessen konnte, sie nach Berlin holen wollte und sich dies 1875 so ausmalte: „Dann würde der Grunewald etwa für Berlin das Bois de Boulogne und die Hauptader des Vergnügungsverkehrs dorthin mit einer Breite wie die der Elysäischen Felder durchaus nicht zu groß bemessen sein.“ Ausgerechnet der Eiserne Kanzler setzte beim Kudamm darauf, dass dort das Pläsier „schnell wachse“. Aber da endete die Einmischung von oben. Umsetzen sollte das Ganze das Privatkapital, ebenjene „Konzernherren“ und „Spekulanten“, deren Terrain dort später von den Kommunisten und Nazis gleichermaßen gehasst wurde. Der Staat hielt sich hier heraus. Das war nicht so einfach, aber schließlich konnte der Baumschulenbesitzer John Booth ein Konsortium von Investoren um die Deutsche Bank herum vereinen, die „zum Ausgleich“ am anderen Ende im Grunewald für 234 Hektar ein Vorkaufsrecht erhielten.
Hier läuft Weltgeschichte, dort wird sie besprochen
Es waren also denkbar unterschiedliche Voraussetzungen, Akteure und vor allem Zeiten, die den Charakter der beiden großen Boulevards prägten. Im Wettstreit der Architektur stechen die „Linden“ mit ihren berühmten Baumeistern den Kurfürstendamm klar aus, an dem kein einziger herausragender Architekt mitwirkte, selbst nicht beim stattlichsten, dem einst Iduna-Haus genannten Bau Ecke Leibnizstraße. Pomp und Protz waren der Anspruch, den die Berliner allerdings nirgends missen wollten.
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war es so weit – die beiden Boulevards wetteiferten auf Augenhöhe um ihre Attraktivität im Berliner Raum. Bismarcks Rechnung ging auf, der Kudamm war als Vergnügungs-, aber auch als Einkaufsmeile nicht mehr einzuholen zwischen dem 1907 eröffneten Kaufhaus des Westens im Osten am verlängerten Kudamm und dem wegen der neuen Bademoden als „Nuttenaquarium“ verschrienen Wellenbad am Halensee, dazwischen Kaffeehäuser, Varietés, Geschäfte, Aschinger. Das Leben begann zu toben, bis in die Nacht.
Schon zur Jahrhundertwende kam der damals neudeutsche Begriff der „City“ und seiner „Filiale“ im Westen auf. Bezeichnend allerdings: Im Baedeker von 1908 gibt es den Kurfürstendamm gar nicht, nicht mal im Register. Der Streifzug durch Charlottenburg beginnt darin bei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, und gleich danach – als wollte man einen Teenager vor Verführung bewahren – heißt es: die Augen scharf rechts, Richtung Technische Hochschule, zum Rathaus und zum Schloss. Kudamm – nur Kulturbanausentum? Dem Boulevard Unter den Linden jedenfalls sind 16 Seiten gewidmet, als „Brennpunkt des vornehmeren Berliner Lebens“, wie es dort heißt, als „Schauplatz feierlicher Einzüge des königlichen Hauses und seiner fürstlichen Gäste sowie des siegreichen Heeres“.
Doch auch am Kudamm tobte nicht nur der (Berliner) Bär. Es waren die Jahre, da sich eine bald viel beachtete Arbeitsteilung herausbildete: Unter den Linden entstand Weltgeschichte, die Politik im Schloss , die Forschung in der Akademie der Wissenschaften und der Universität. Am Kurfürstendamm aber samt seiner näheren Umgebung wurde all das kommentiert, kritisiert, ventiliert; tagsüber in den Literatencafés, abends in den illustren Salons bei den Dichtern und Denkern. Man ergänzte sich, beäugte sich.
Nietenhosen und Lederjacken gegen Oper und Universität
Das politische und gesellschaftliche Großwetter bestimmte in den Jahrzehnten darauf die Rangfolge. In den „Roaring Twenties“ von Babylon Berlin , ganz klar, stand der Kudamm im Rampenlicht (neben dem Potsdamer Platz). Während der Nazi-Jahre wiederum ebenso klar die Linden mit ihren gewichtigen Zeugnissen deutscher Geschichte zwischen Brandenburger Tor und Dom, oft heimgesucht von NSDAP -Aufmärschen. Der zuvor so freigeistige Kudamm war kaltgestellt. Nach 1945, in der geteilten Stadt, hatte die direkte „Konkurrenz“ Pause, wobei die Gegensätze zwischen den Flaniermeilen nie so deutlich waren wie in der frühen Nachkriegszeit.
Der Kudamm lebte ab den 50ern auf als Symbol des kapitalistischen Glamours, mit original amerikanischen Beimischungen: raumgreifende Straßenkreuzer, hinterm Steuer gefühlt James Dean oder Elvis, an den Kinos die Hollywood-Schinken haushoch plakatiert, Big Eden , Nietenhosen und Lederjacken, Petticoats und Rockabilly. All das war nach dem Mauerbau bei der Ost-Berliner Jugend der Ort ihrer Träume. Kein Trost für sie, wenn die Eltern oder Großeltern den West-Besuch über die Linden führten, dort die Baustile des Opernhauses, der Hedwigs-Kathedrale oder der Universität erklärten. Mit etwas Glück konnten sie dabei noch einer Parade beiwohnen, die dann am Ende der Linden auf der gähnenden Leere des Marx-Engels-Platzes mit Pauken und Trompeten endete. Derweil riefen auf dem Kudamm die Zuschauer bei den SDS-Demos und zugehörigen Krawallen: „Geht doch rüber!“ An Anziehungskraft verlor er deshalb nicht.
Letztlich mussten die Linden die Konkurrenz nur aussitzen. Der Glamour des Kurfürstendamms, seine Weltberühmtheit hat nachgelassen, die Eleganz der Flaneure wurde abgelöst vom Lärm der 400 PS starken, gemieteten Boliden, mit denen heute jugendliche Raser vergeblich Eindruck zu schinden versuchen. Das Café Kranzler ist nur noch der Schatten seiner einstigen Strahlkraft. Die große Berliner Geschichte Unter den Linden hat sich als zeitloser erwiesen.
