Warschau rekonstruierte seine historische Altstadt, Berlin entschied sich nach dem Zweiten Weltkrieg für einen anderen Weg. Im letzten Teil unserer Reihe richtet sich der Blick auf den Molkenmarkt – und die Frage, ob Berlin dort eine neue historische Mitte schaffen kann.
Entwicklungsstadt vom 08.07.2026 von Wolfgang Leffler
In den ersten vier Teilen dieser Artikelreihe ging es um den Wiederaufbau Warschaus, die identitätsstiftende Kraft historischer Rekonstruktion und die Frage, warum Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg einen grundlegend anderen Weg einschlug.
Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich beide Partnerstädte mit Zerstörung, Erinnerung und dem Verlust ihrer historischen Zentren umgingen. Der Blick auf die verschwundene Berliner Altstadt zeigte zugleich, dass deren Verlust nicht allein eine Folge des Krieges war, sondern auch Ergebnis politischer und städtebaulicher Entscheidungen.
Berlin und Warschau: Was bleibt vom Traum der historischen Altstadt?
Im abschließenden Teil der Reihe richtet sich der Fokus nun auf die Frage, welche Konsequenzen Berlin daraus für seine historische Mitte gezogen hat, und welche Rolle der Molkenmarkt dabei spielt.
Bereits nach 1945 gab es im zerstörten Berlin großzügig angelegte und städteplanerisch utopisch anmutende Ideen zur Neugestaltung. Diese gab es auch nach dem Fall der Mauer im Herbst 1989.
Den damals politisch Verantwortlichen muss man ihre guten Absichten attestieren, die kulturpolitisch vorhandenen Hindernisse zu überwinden. Ab 1990 konzentrierte sich die Stadtplanung vor allem auf die Gestaltung des Potsdamer Platzes und der Friedrichstraße, weniger auf die komplexe „Überplanung“ des nun wieder vereinigten Berlins.
Nach dem Mauerfall: Das „Planwerk Innenstadt“ für das Zentrum Berlins
Der seit 1991 als Berliner Senatsbaudirektor agierende Hans Stimmann unternahm 1992 unter Leitung des damaligen Bausenators Peter Strieder mit seinem „Planwerk Innenstadt“ den Versuch, die beiden Stadthälften in einer langfristig angelegten Betrachtung zumindest gedanklich wieder zusammenzubringen.
Diese ersten Planungsempfehlungen enthielten unter anderem auch die Umgestaltung des Molkenmarktes. Stimmanns anspruchsvoller Masterplan, die städtebaulich markanten Berliner Blöcke an vielen Stellen der Stadt wiederherzustellen, führte zu kontroversen Diskussionen.
Mai 1999: Ein Leitbild für die städtebauliche Entwicklung der jungen Bundeshauptstadt
Ungeachtet dessen wurde das Ergebnis dieser Planungen im Mai 1999 vom Berliner Senat immerhin als Leitbild für die weitere städtebauliche Entwicklung festgeschrieben, darunter auch eine kleinteilige Bebauung des Areals zwischen Rathaus und Stadthaus, also des Molkenmarktes.
Lange Zeit passierte dazu allerdings nichts. Der Schwerpunkt dieses Planwerkes betraf übrigens nicht nur das Gebiet der Innenstadt, sondern auch für den Nordosten, Westen und Südosten der Stadt wurden eigene Planwerke erstellt.
Wiederherstellung der historischen Stadtmitte: Eine Charta für das Zentrum Berlins
Der Versuch einer planungspolitischen Verständigung zur Wiederherstellung der historischen Stadtmitte war von jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Bewahrung des Bestehenden und denjenigen, die sich für eine Reurbanisierung der Stadtmitte aussprachen, geprägt.
Diese Diskussionen spalteten die Lager in Ost und West. Dies war sicher auch einer der Gründe, weshalb sich im Jahr 2001 der Verein „Bürgerforum Berlin“ gründete, dem Ende des Jahres 2013 das Bürgerforum „Historische Mitte“ beitrat.
Beide sich einander ergänzenden Gremien bildeten sozusagen die „Planungsgruppe Stadtkern“, in der sich knapp 20 Autoren zusammengefunden haben und die Anfang 2014 die Charta für die Berliner Mitte präsentierte.
Denkmalwahrung und Wiedervereinigung der historischen Mitte: Die „Planungsgruppe Stadtkern“
Diese Charta geht vom Ansatz her über das Anliegen der Denkmalwahrung hinaus und benennt im Programm grundlegende Voraussetzungen und konkrete Forderungen hin zu einer Wiedervereinigung der historischen Mitte zu einem Ort des bürgerlichen Lebens.
Das Besondere dieser Charta ist somit eine zusammenhängende Betrachtung der beiden Altstadtkerne Berlin und Cölln, sodass die Debatten um die Entscheidungsfindung zu einzelnen Bereichen wie Molkenmarkt, Rathausforum und Sankt Petri eine gemeinsame Basis finden sollen.
April 2016: Beschluss zur Wiederherstellung des Molkenmarkts
Auf Basis des Planwerks Innenstadt aus dem Mai 1999 beschloss der Berliner Senat im April 2016 den Bebauungsplan zur Wiederherstellung des Molkenmarkts und wendete sich somit 27 Jahre nach dem Mauerfall endlich konkret der Neugestaltung des Gründungsortes Berlins zu.
Sämtliche vorherigen Versuche, die ehemals gemeinsame historische Stadtmitte als den Ort einer wiedervereinigten Stadtgesellschaft durch eine Rekonstruktion der Straßen und Plätze mit einer modernen, kleinteiligen Bebauung zurückzugewinnen, wurden vom Senat in den unterschiedlichsten politischen Konstellationen abgeblockt, zerredet und unnötig in die Länge gezogen.
Sommer 2021: Start des städtebaulichen Wettbewerbs
Im Sommer 2021 erfolgte der Start eines öffentlichen städtebaulichen Wettbewerbs zur Gestaltung des Molkenmarkts mit dem Ziel einer möglichst starken Annäherung an die historischen Grundrisse und einer altstädtischen Architektur, um dem ältesten Platz und Viertel Berlins gerecht zu werden.
Mit dem im August 2023 beschlossenen Rahmenplan für die Wiederherstellung des Molkenmarkts wurde nun der erste Teil der „Charta Molkenmarkt“ gestartet. Berlins Bausenator Christian Gaebler spricht in diesem Zusammenhang nicht von einer „historischen Rekonstruktion“, sondern von einer aktuellen Interpretation.
Neuordnung des Verkehrsraums rund um den Molkenmarkt
Am 19. Mai 2026 hat der Berliner Senat den Entwurf des Bebauungsplans beschlossen, nach einer jahrelangen Debatte. Die Planung sieht die Entwicklung eines Quartiers vor, das stärker auf zusätzliche Kultur- und Gewerbeflächen fixiert ist. Gleichzeitig bleiben 200 Wohnungen Bestandteil der Planungen.
Die Anpassung des bestehenden Planungsrechts steht im Zusammenhang mit der schrittweisen Neuordnung des Verkehrsraums in Berlin-Mitte und der Verlegung eines Abschnitts der Grunerstraße, die Teil der Bundesstraße 1 ist. Die Mitte Berlins wurde mittlerweile zum Städtebaufördergebiet erklärt.
Historische Altstadt Berlins: Wie viel Rekonstruktion ist möglich?
Mit der, in welcher Form auch immer, Wiederherstellung des Molkenmarktes ist die historische Mitte der Stadt natürlich nicht komplett. Mitnichten, denn außer dem Nikolaiviertel, das die DDR zur 750-Jahr-Feier 1987 in einer gelungenen Rekonstruktion und einer ortsadäquaten, ansprechenden Architektur wieder aufgebaut hatte, wird man neben dem wiederhergestellten Molkenmarkt weiterhin einen wesentlichen Teil der historischen Altstadt vermissen.
Aber soll der von einigen Historikern (u.a. der Stiftung Mitte Berlin) schmerzlich vermisste Rest auch in seiner ursprünglichen Form rekonstruiert werden? Es geht wohl mehr darum, sich den Realitäten zu stellen.
Alexanderplatz und Fernsehturm: Eine Rückkehr zur historischen Bebauung?
Bei allem Respekt vor diesem Ort und seiner Geschichte glaubt wohl niemand ernsthaft daran, dass der Freiraum rund um Alexanderplatz und Fernsehturm, mit den Rathauspassagen und der Karl-Liebknecht-Straße, durch derart radikale Maßnahmen zur alten historischen Bebauung zurückentwickelt wird.
Für den Geburtsort Berlins hatte der Berliner Senat im Jahr 2020 einen Wettbewerb zur Freiraumneugestaltung ausgelobt. Realisiert wird an dieser Stelle derzeit das Projekt „Rathausforum„, was vor allem die Schaffung modernen Grün- und Freiflächen im Fokus hat.
Molkenmarkt und Nikolaiviertel als Erinnerungsorte an die ehemalige Berliner Altstadt?
Mit dem Nikolaiviertel und dem dann wiederhergestellten Molkenmarkt wird wohl die letzte große „Baustelle“ Berlins als Erinnerungsort an die ehemalige Altstadt vorerst abgeschlossen sein. Sicher kann man darüber nachdenken, ob der Platz vor dem Roten Rathaus eine adäquate Einfassung braucht oder ob man den Neptunbrunnen, den ehemaligen Schlossbrunnen, wieder auf den südlich vor dem Humboldt Forum neu zu gestaltenden Platz verlegt.
Der Berliner Senat hat solche Gedankenspiele bislang aber stets abgelehnt, egal unter welcher politischer Führung. Sowohl die rotgrüne als auch die jetzige schwarzrote Regierungskoalition hat sich deutlich für einen Verbleib des Neptunbrunnens an seiner jetzigen Stelle ausgesprochen.
Humboldt Forum und Marx-Engels-Forum verändern Berlins historische Mitte
Mit dem Bau des Humboldt Forums an der Stelle des zuvor dort stehenden Palastes der Republik hat sich der Mittelpunkt der Altstadtbetrachtung eher dorthin verschoben.
Mit der gartenarchitektonischen Umgestaltung des Marx-Engels-Forums und dem Fernsehturm, der sich in der Stadtwerbung mittlerweile als ikonisches Wahrzeichen etabliert hat, sollte man aber auch denen Respekt erweisen, die vierzig Jahre lang in einem anderen politischen System und unter wirtschaftlich weitaus schwierigeren Bedingungen ihre Kraft zur Gestaltung von Berlins Mitte eingesetzt haben.
Unterschiede beim Wiederaufbau der Partnerstädte
Vergleicht man Warschau und Berlin hinsichtlich des Wiederaufbaus der historischen Altstädte, erkennt man schnell das wesentlichste Unterscheidungsmerkmal hinsichtlich Entscheidungsfindung und Umsetzung.
Während in Berlin die politischen Verhältnisse aufgrund des Vier-Mächte-Status bereits kurz nach Kriegsende durch die Alliierten und später nach der Teilung der Stadt einerseits durch Demokratie und andererseits durch Diktatur gekennzeichnet waren, bestimmten in Warschau von Anfang an die Kommunisten den Fortgang des Geschehens.
Stalin förderte den Wiederaufbau Warschaus
Der endgültige Beschluss zum Wiederaufbau Warschaus war auch ein Projekt, das auf Stalin zurückgeht. Den russischen Kommunisten war nach der Befreiung Warschaus bewusst, dass der umgehende Wiederaufbau Warschaus breite Schichten der Bevölkerung ansprechen und zusammenbringen würde.
Also wurde die Idee des Wiederaufbaus schnell propagiert, um die patriotische Stimmung für sich zu gewinnen und eine Begeisterung für die sozialistische Zukunft zu entfachen; die Idee fiel auf fruchtbaren Boden.
Auch in Warschau gab es Befürworter und Gegner eines historischen Wiederaufbaus
Aber so problemlos, wie eventuell oberflächlich gedacht, verlief der Wiederaufbau wiederum auch nicht, denn auch in Warschau gab es die Fraktionen der Gegner und Befürworter des Wiederaufbaus der Altstadt.
So verlor zum Beispiel die Fraktion der Denkmalpfleger den Kampf um die Größe der Fläche für den historischen Wiederaufbau. Der Wiederaufbau fiel also kleiner aus, als von den Denkmalschützern gefordert.
Warschaus Altstadt: Rekonstruktion auf nur elf Quadratkilometern
Die Gesamtfläche Warschaus beträgt 141 Quadratkilometer, und vor dem Krieg gab es in Warschau 900 Baudenkmäler, wovon nach Kriegsende 30 Prozent völlig zerstört und 59 Prozent noch zur Rekonstruktion geeignet waren.
Der Rest bedurfte nur eines kleineren Restaurationsaufwandes. Die Rekonstruktion wurde auf lediglich elf Quadratkilometer festgelegt, was 733 Hektar entsprach und 5,2 Prozent der gesamten Stadtfläche Warschaus ausmachte.
Gotischer Grundriss als Basis für den Wiederaufbau Warschaus
Nach eingehenden Diskussionen wurde entschieden, dass die Altstadt auf dem alten gotischen Gründungsgrundriss mit seinem noch vorhandenen Systemnetz aus dem 13. Jahrhundert sowie der unterirdischen Infrastruktur aufgebaut werden sollte.
Der Wiederaufbau Warschaus wurde in den Wirtschaftsplan Polens aufgenommen und war somit Bestandteil der Wirtschaftsleistung des Landes. Nachdem der Wiederaufbau Warschaus relativ zügig nach Kriegsende in Angriff genommen worden war, konnte die Rekonstruktion Alt-Warschaus am 22. Juli 1956 beendet und der Öffentlichkeit übergeben werden.
Berliner Wahrheiten: Eine Stadt verliert immer wieder ihre Mitte
Zur Wahrheit Berlins gehört aber auch, dass innerhalb Europas keine größere Metropole ihre Mitte so oft verloren hat wie Berlin. Zum einen durch flächendeckende Abrisse und die Vertreibung jüdischen Lebens vor dem Krieg durch die Nationalsozialisten, durch verheerende Kriegszerstörungen und die Aufbauplanungen der 1960er- und 1970er-Jahre.
Nach dem Bau der Mauer 1961 und ihrem Fall 1989, durch die Abwicklung der DDR und den damit verbundenen Abriss zentraler Bauten, nicht zu vergessen der Bauboom ab 1990/91 und die ungeduldig auf Rendite getrimmten Investoren, wurden die Planungen für Berlins Mitte immer wieder neu justiert, angepasst oder verworfen.
Gelingt Berlin ein gelungener, anspruchsvoller Wiederaufbau des Molkenmarkts?
Die Gemengelage war jeweils herausfordernd. Da wurde das Thema „Historische Altstadt“ sicher oft aufgrund anderer, vordergründig wichtigerer Bauthemen nach hinten geschoben. Der Fokus sollte daher nun auf einer überzeugenden und qualitätsvollen Wiederherstellung des Molkenmarkts liegen, der wie kaum ein anderer Ort für den historischen Ursprung Berlins steht.
Gelingt es, hier moderne Stadtentwicklung, historische Bezüge und eine kleinteilige, lebendige Nutzung miteinander zu verbinden, könnte das Quartier zu einem wichtigen neuen Baustein der Berliner Mitte werden.
Konkrete Planungen für eine weitergehende Rekonstruktion der historischen Altstadt bestehen derzeit ohnehin nicht. Umso wichtiger ist es, die vorhandene Chance am Molkenmarkt konsequent zu nutzen; und aus den jahrzehntelangen Debatten endlich einen überzeugenden Stadtraum entstehen zu lassen.
