Die künftigen Häuser im Molkenmarktviertel sollen aus Tradition Arkadengänge und Naturstein erhalten. Dahinter verbirgt sich jedoch Geschichtsklitterung.
Tagesspiegel vom 05.07.2026 von Nikolaus Bernau
Vergangene Woche stellte der Berliner Senat seine Pläne für die Häuser im künftigen Molkenmarktviertel vor. Über diese Entwürfe wird sicher noch viel gestritten, die wie aus den Handbüchern kulturpessimistischer Architekturreformer um 1910 zu stammen scheinen. Da wäre etwa die Behauptung von Senat und Architekten, die vorgestellten Projekte würden lokale Traditionen weiterführen.
Zum Beispiel bei den Arkadengängen: Sie gab es allerdings erst ab etwa 1900 in Berlin und nur als Ausnahme, um Fußgängertrottoirs zugunsten von Autos aufzugeben. Auf diese Weise ließ sich die Straße bis dicht an die Fassade bauen. Sie sind eine aus Bern oder Bologna übernommene Innovation. Als Regen- und Sonnenschutz sind sie nur sinnvoll, legt man sie nicht wie hier geplant zu hoch und zu schmal an.
Oder der „Naturstein“, ein übrigens durch Abbau und Transport meist überaus klima- und umweltschädliches Material. An Sockelgeschossen und Fassaden steht er genauso wenig in der Tradition des Berliner Mietshauses, auch wenn dies behauptet wird.
Wie schön, dass gerade ein neues Buch des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin-Brandenburg und seines Vorsitzenden Tobias Nöfer erschienen ist. Sie knüpfen an das unübertroffene, dreibändige Monumentalwerk „Das Berliner Mietshaus“ von Jonas Geist und Klaus Kürvers aus den 1980er-Jahren an, wollen aber keine historische Untersuchung, sondern ein Vorlagenwerk liefern. Der Titel lautet „Vorbild Berliner Mietshaus. Wiederentdeckung eines nachhaltigen Bautyps“ (Wasmuth Verlag Berlin 2026, 38 Euro).
Selbst das Stadtschloss zeigte überwiegend Putzfassade
Darin wird das Berliner Mietshaus der Kaiserzeit als Muster für seine nutzungsflexible, ja ökologische, preiswerte und nachhaltige moderne Baumethodik gefeiert, dank der systematischen, oft standardisierten Baukonstruktion. Die konsequent undifferenzierte Verachtung „der“ modernen Architektur Berlins seit der Kaiserzeit ist ärgerlich. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte werden nur nebenbei behandelt, aber es lässt sich viel lernen über Konstruktion und Formenfindung. Auch die hyperglatten Fotografien der Straßenfassaden aus Putz, Stuck, Gips oder Zinkguss von Maximilian Meisse passen zum Charakter als Vorbildersammlung.
Und Natursteine sieht man hier allenfalls als Poller an Tordurchfahrten und als Dekoration. Berlin war eben nie reich genug wie Wien, Paris oder Budapest für solchen Luxus. Selbst das Berliner Schloss zeigte überwiegend Putzfassaden. Erst um 1880 begannen Banken und Warenhäuser, mit Sandstein, Travertin oder Granit um Kunden zu werben.
Das Berliner Mietshaus aber blieb eine sturzkapitalistische Investorenarchitektur, materiell minimiert, um den Profit zu maximieren. Das lässt sich an jeder Berliner Straße studieren. Geschichtsklitterungen können Neubauprojekte eben doch nicht lokalhistorisch legitimieren.
