Berlin. Architektin Christina Petersen hat zahlreiche berühmte Gebäude Berlins restauriert. Sie erklärt, warum ausgerechnet das unbekannte Jagdschloss Glienicke ihr Lieblingsort ist.
Morgenpost vom 04.07.2026 von Uta Keseling

Beim Stichwort „Jagdschloss Glienicke“ gibt es bei Berlinern zwei mögliche Reaktionen: „Ah, das mit dem teuren Glasanbau!“, sagen die einen. Die sich noch an den Streit und die jahrelange Sanierung des landeseigenen Schlösschens unweit der Glienicker Brücke erinnern. Vielleicht sogar an den großen Brand 2003, mit dem die Sanierung begann. Die anderen fragen: „Wo soll das denn sein?“ Oder sie verwechseln es mit dem Schloss Glienicke. Das ist die klassizistische Villa im italienischen Stil mit dem goldenen Löwen am Eingang, von Berlin aus gesehen kurz vor der Glienicker Brücke im Grunewald.

Die meisten, denen das Jagdschloss Glienicke von innen bekannt ist, dürften wiederum Pädagogen sein. Das Schloss ist seit 2003 Sitz des Sozialpädagogischen Fortbildungsinstituts Berlin-Brandenburg. Die beste Kennerin des Ensembles, das mit Marstall, Kavalierhaus und Park direkt am Wasser liegt, ist aber die Berliner Architektin Christina Petersen. Schon seit 2004 leitet sie die Sanierung der denkmalgeschützten Gebäude, die heute zum Unesco-Weltkulturerbe gehören.

Die Berliner Architektin sitzt im Schatten eines großen Baums und entrollt Fotos und Lagepläne. Sie ist in Jeans und T-Shirt gekommen, das Interview ist zugleich Baustellenbesuch. Das Jagdschloss war die ungewöhnliche Antwort auf die Frage nach dem Lieblingsort der Architektin, die einen ganz besonderen Blick auf Berlin hat. Wahrscheinlich. Die 70-Jährige hat seit den 1980er-Jahren gemeinsam mit ihrem Ehemann und Büropartner so viele berühmte und besondere Gebäude und Denkmale restauriert, dass die Auswahl schwerfiel. Mit manchen Gebäuden hat sie so viele Jahre verbracht, dass sie zu ihnen bis heute ein inniges Verhältnis hat, wie sie sagt.

Jagdschloss Glienicke: Streit um die passende Epoche der Restaurierung

Zu den Restaurierungen, die sie als selbstständige Architektin leitete, gehören das Neue Palais, die Kolonnaden auf der Museumsinsel oder die Gewölbehalle des Märkischen Museums. Oder Denkmale wie die sowjetischen Ehrenmale in Treptow, im Tiergarten und in Schönholz. Bekanntes Beispiel im Westteil ist das klassizistische Gutshaus Steglitz, das Petersen in den 1990er-Jahren unter dem damaligen Landeskonservator Helmut Engel in seinen ursprünglichen Zustand versetzte. Heute hat Dieter Hallervordens Schlosspark Theater darin seinen Sitz. Christina Petersen setzt sich im Vorstand der Schadow Gesellschaft Berlin zudem für den Erhalt des Werks des ebenso berühmten wie vielfältigen Berliner Künstlers Johann Gottfried Schadow ein.

Worüber Petersen viel erzählen kann, sind die Streitigkeiten um den Erhalt historischer Bauten in Berlin. Als ausführende Architektin stand sie immer wieder im Mittelpunkt. Auch beim Jagdschloss Glienicke. Das wurde seit dem 17. Jahrhundert so oft umgebaut und verändert, dass allein mehrere Jahre darum gestritten wurde, in welchem Zustand es überhaupt wiederhergestellt werden sollte. „Die Wahl der Denkmalbehörde fiel auf die Zeit um 1890“, sagt sie. Damals stockte Albert Geyer im Auftrag von Prinz Friedrich Leopold von Preußen den Mittelbau auf, fügte einen Turm hinzu und überformte alle Fassaden des Ensembles einheitlich. Zuvor hatte Prinz Carl von Preußen 1862 das Schloss durch den Hofarchitekten Ferdinand von Arnim im Stil der Neorenaissance umbauen lassen. „Bis auf den Glasvorbau aus den 1960er-Jahren sieht das Schloss heute also wieder aus wie 1890.“

Petersen deutet auf den umstrittenen Glasvorbau, den Eingang des Jagdschlosses. Ein Fremdkörper. Doch diese Veränderung ist ihrerseits Zeugnis der Geschichte. „Ab 1961 führte die Mauer direkt am eigentlichen Tor des Schlosses vorbei“, Petersen deutet auf den Bereich, der vom Park aus gesehen hinter dem Gebäude liegt. „Der Architekt Max Taut drehte demzufolge die Nutzung des Schlosses um. Er verlegte den Eingang nach hinten, wo bis dahin eine große Freitreppe in den Garten führte.“ Das Jagdschloss, das zum eingemauerten Berlin gehörte, „blickt“ seitdem nicht mehr nach Potsdam, sondern über die Königstraße Richtung Zehlendorf. 

Den Glasvorbau des Bauhaus-Architekten Taut hätte Christina Petersen gern rückgängig gemacht. Doch die Denkmalbehörde bestand darauf. Also ließ die Architektin den maroden Glasbau originalgetreu nachbauen – was auch enorme Summen verschlang.

Schlosspark beeindruckt mit Geschichte und verwunschenem See

Inzwischen sind wir unterwegs im Park – dem eigentlichen Geheimtipp unseres Treffens. Das Jagdschloss selbst ist leider nicht öffentlich zugänglich, der verwunschene Park dagegen tagsüber schon. Wir schlendern an einem brachliegenden Brunnen vorbei und an einem zugewachsenen Seerosenteich. Dann glitzert eine riesige Wasserfläche durch die Bäume. Über die Glienicker Lake fällt der Blick auf das berühmte Dampfmaschinenhaus und Schloss Babelsberg gegenüber. Rechterhand säumen Potsdams Hochhäuser den Horizont.

Auf einer Bank mit Seeblick tauchen wir kurz ein in die Schlossgeschichte. Erbaut wurde es Ende des 17. Jahrhunderts für den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Friedrich I. wiederum baute es im Stil des französischen Barocks aus, Friedrich Wilhelm I. machte es dann zum Lazarett. Es folgten Nutzungen als Tapetenfabrik und Waisenhaus, erzählt Petersen. „Und Max Taut stellte an die Ränder des Ensembles eine Gymnastikhalle und ein kleines Wohnhaus.“

Die Halle sei marode und stehe auf dem Plan für eine Sanierung in den kommenden Jahren. Das ebenfalls geschützte Wohnhaus, ein schlichter Flachbau mit zwei kleinen Wohnungen und den für Taut typischen, rot-gelb gefliesten Fassaden, wird in diesem Jahr fertig. Es ist ihre aktuelle Baustelle. Wie es genutzt werde, sei noch unklar, sagt Petersen.

Jagdschloss-Ruine: Restaurierung legt alte Geheimnisse frei

Der Öffentlichkeit wurde das Jagdschloss vor gut 20 Jahren bekannt, als 2003 der Südflügel beinahe abbrannte. Auch von der Ruine hat sie ein Foto dabei. Beim denkmalgerechten Restaurieren, erklärt sie, werde ein Gebäude Schicht für Schicht untersucht. Alles werde genau angeschaut und dokumentiert. „Im Schloss fanden wir die alten Balkenlagen wieder, die Farbfassungen von früher, es gab in einem der Säle noch eine Holzdecke, die wiederhergestellt werden konnte.“ Je länger man sich mit einem Gebäude befasse, sagt sie, desto enger verwurzele man sich damit – wie mit Menschen, von denen man viel weiß.

Christina Petersen ist in Potsdam aufgewachsen. Architektin sei seit Kinderzeiten ihr Traumberuf gewesen, erzählt sie. „Der Vater eines Mitschülers war Architekt und erzählte so spannend davon, dass ich das unbedingt studieren wollte.“ Sie ging dafür nach Weimar, seit den 1980ern lebt sie mit ihrer Familie in Berlin. Ihr Sohn, 44 Jahre alt, sei „natürlich auch Architekt“. Sie lacht. Sein Interesse seien jedoch eher moderne Gebäude.

Auf dem Rückweg passieren wir das Kurfürstentor. Der ockerfarbene Bau steht elegant im Raum wie ein architektonisches Mitbringsel aus Italien. Petersen öffnet den Plan. Auch das Tor hat Petersen restauriert. Mit Blick auf die Umgebung versteht man, dass das Tor einst direkt auf den ursprünglichen Schlosseingang zuführte, der damals seitlich lag. Und man sieht, dass das Jagdschloss eigentlich über die Waldmüllerstraße Richtung Griebnitzsee schaut.

Bis auf ein paar kreischende Gartenvögel ist es im Park immer noch still. Genau 65 Jahre ist es her, dass hier plötzlich die Welt noch etwas stiller war. Die Seeufer wurden entlang des Todesstreifens zugemauert, auch der Zugang zum Schloss. „Wer hier in die Lake gesprungen wäre, der wäre erschossen worden“, sagt Christina Petersen nachdenklich. Dann schlendern wir zurück in die Gegenwart. Froh, dass diese Zeiten vorbei sind.

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