Wohnen sollte mehr sein als Unterbringen und Ruhigstellen. Im aktuellen Baukulturbericht steht, was sich Käufer und Mieter wirklich wünschen – vom sozialen Umfeld bis zu Sauberkeit und Sicherheit. Wer darauf keine Rücksicht nimmt, landet wieder bei Erich Honecker.
Weltplus vom 18.06.2026 von Dankwart Guratzsch

Wer sich mit den Problemen des Wohnungsbaus in Deutschland 2026 auseinandersetzt, darf nicht bei der „Lösung der Wohnungsfrage als soziales Problem“ von Erich Honecker anno 1971/76 stehenbleiben. Unter dieser Parole war es zu einer „bedingungslosen Durchsetzung der,Industrialisierung des Bauwesens der DDR‘“ gekommen, wie es die Architektursoziologin Christine Hannemann beschreibt. Der Wohnungsbau sollte gleichsam von allem emotionalen Beiwerk entschlackt und kompromisslos auf die technisch-bauliche Etablierung der „sozialistischen Gesellschaft“ programmiert werden.

Technisch-organisatorisch folgte das Konzept den bereits in den 1920er-Jahren ausgearbeiteten Prinzipien eines Fließband-Wohnungsbaus à la Henry Ford unter Ausschöpfung aller Prinzipien einer zentralistisch gelenkten Wirtschaft und eines durchrationalisierten, technisch standardisierten und auf höchste Effizienz getrimmten Städtebaus. Das Ergebnis waren die Plattenbaugebiete der DDR, mit denen nicht nur die „neue Gesellschaft“ förmlich Gestalt annehmen, sondern auch den „Relikten der bürgerlichen Gesellschaft“, den Altstädten und Gründerzeitquartieren mit ihrer Eigentumsstruktur, die Existenzgrundlage entzogen werden sollte.

Die Entwicklung der Bundesrepublik zeigt, dass derartige Denkweisen keineswegs an sozialistisches Wortgeklingel gebunden sind. Sie kehren ungeschminkt in den technokratischen Bauprogrammen großer Wohnungsbaukonzerne, Privatinvestoren und Planungsämter wieder. Und sie gehen, je mehr sich die offizielle Baupolitik durch Stimmungsmache und Immobilienlobbyismus dazu gedrängt sieht, inzwischen längst auch in die sogenannten Upgrades, Handlungskonzepte und Sprachregelungen der Ministerien und Rathäuser ein, ohne dass in Landtags- oder Bundestagswahlen ein Auftrag dazu erteilt worden wäre.

Dabei gibt es alle zwei Jahre eine von ideologischem Eifer und politischer Geltungssucht freie, von Grund auf seriöse Bestandsaufnahme der tatsächlichen Wohnwünsche und -bedürfnisse der Bevölkerung: den Baukulturbericht der Bundesstiftung Baukultur. Gerade ist die jüngste Ausgabe 2026/27 erschienen – und sie belegt, wie wenig sich die Wohnwünsche der Menschen mit dem fordistischen Wohnungsbau zur Deckung bringen lassen.

Wie konnte man glauben, dass auch im Wohnungsbau gilt: „Erst kommt das Fressen, und dann kommt die Moral“? Der Baukulturbericht widerlegt dieses Vorurteil mit einem für ein wissenschaftliches Dokument ungewöhnlich bekenntnishaften Pathos: „Gesundheit, Produktivität, Wohlbefinden und Sicherheit hängen wesentlich von der Gestaltqualität unserer gebauten Umwelt ab. Der Mensch ist mit allen Sinnen Empfänger von Gestaltung. Schönheit liegt dabei nicht allein in den Augen der Betrachtenden: Das Fehlen angemessener Gestaltung ist stressfördernd und störend.“

Zur Untermauerung kann das Papier mit hieb- und stichfesten Zahlen aus Bevölkerungsbefragungen von Forsa sowie aus einem ganzen Fächer eigener Umfragen bei Behörden, Kammern und Verbänden aufwarten. Danach spielt die Baugestaltung für die Bürger eine herausragende Rolle. 74 Prozent wünschen sich Gebäude, die zu ihrer Umgebung passen, die ein „ansprechendes Erscheinungsbild“ bieten (73 Prozent), langlebig (69) und klimaverträglich (61) sind. Erst danach folgen die Ansprüche an Funktionalität (54), Grundriss (53), Baustoffe (46) sowie soziale und wirtschaftliche Leistungen des einzelnen Bauwerks.

Funktionalität vor Miteinander

Und was wird tatsächlich gebaut? Die Kommunen stellen dieselben Belange buchstäblich auf den Kopf. Hier rangiert die nackte „Funktionalität“ mit 80 Prozent vor allen anderen Kriterien, gefolgt von der Klimaverträglichkeit (74 Prozent) und dann erst dem Erscheinungsbild und Ortsbezug (68). Orte für Austausch und Miteinander der Bürger sind den Sachwaltern der Demokratie gar nur magere 37 Prozent wert.

Nimmt es da Wunder, wenn sich 70 Prozent der Bürger bei der Gestaltung ihres Lebensumfelds nicht ausreichend einbezogen fühlen? Die nüchternen Zahlen enthüllen einen eklatanten Widerspruch zwischen Versprechen und Leistungen der Demokratie, gerade in der Baupolitik. Noch krasser sind die Diskrepanzen bei der Beurteilung öffentlicher Räume.

Für die Bürger stehen hier Sauberkeit und Pflegezustand mit 97 Prozent ganz obenan, gefolgt von „Orten zum Verweilen“ (94 Prozent), die im Zuge von funktionellen Straßenbaukonzepten einer nach dem anderen wegrationalisiert worden sind, und sicheren Orten (93), also solchen städtischen Zonen, in denen der Passant von Messerstechereien, Drogen- und Bandenkriminalität unbehelligt bleibt. Parks wie der „Görli“ in Berlin dürften damit kaum gemeint sein. Dass aber selbst der Schutz vor Wind und Wetter mit 89 Prozent und die Kategorien der Ästhetik und Schönheit mit 79 Prozent erst hinter diesen Kriterien rangieren, zeigt anschaulich, wie es um die Zustände in den Städten inzwischen bestellt ist.

Das Schlaglicht, das der neue Baukulturbericht auf das Baugeschehen in Deutschland wirft, ist nicht schmeichelhaft. Aber wie geht es weiter? Auch das jüngste „Baugesetz-Upgrade“ der Bundesregierung erweist sich als weitgehend unbeleckt von den Einsichten, die in dieser Bestandsaufnahme gesammelt und dargestellt sind. Mit seiner Festlegung auf das reibungslose Funktionieren eines forcierten seriellen Wohnungsbaus ohne Rücksicht auf Belange des Denkmal- und Naturschutzes tappt es in genau dieselbe Falle, in die schon die Vorgängerregierungen der prosperierenden Jahre hineingestolpert waren. Den Fehleinschätzungen von damals verdanken wir den Abriss halber Gründerzeitviertel und ihren Ersatz durch die Märkischen Viertel, Neuperlachs und Steilshoops, in denen Kritiker heute die deutsche Version der französischen Banlieues sehen.

Von Baukultur, kulturpolitischer Verantwortung, Schutz der Ressourcen, Gestaltung oder Wohnzufriedenheit ist in der aktuellen Baudebatte mit keinem Wort die Rede. Vielmehr liegt der Fokus erneut auf der rein technisch-ökonomischen Bewältigung der Aufgabe. Hat man vergessen, dass sich mit Wohnungsbau eben nicht nur die Notwendigkeit der Unterbringung von Menschen verbindet, sondern die viel größere Herausforderung der Repräsentation und Pflege einer Landeskultur? Denn in diesem einen Punkt hatte Honecker natürlich recht: Im Wohnungsbau formuliert sich das Bild, das eine Gesellschaft von sich selbst entwirft, und in dem sich die Ideale der Gesellschaft verkörpern.

Honecker meinte, mit der Industrialisierung des Wohnungsbaus „die Klassengesellschaft neuen Typs“ quasi in Beton zu gießen. Die Uniformität der WBS 70 war für ihn nicht die zwangsläufige Folge der Technisierung im Bauwesen, sondern entsprach dem ideologischen Konstrukt der Gleichheit, Gleichschaltung, Deponierung und Stapelung des „sozialistischen Menschen“ in typisierten Gehäusen. Demgegenüber appelliert der Baukulturbericht an die Kommunen, in der Baupolitik den elementaren Bedürfnissen des Menschen Geltung zu verschaffen: „Die gebaute Umwelt wirkt unmittelbar auf uns als biologische Wesen. Deshalb müssen menschliche Bedürfnisse, wissenschaftliche Erkenntnisse und multidimensionale Gestaltungsansätze verbindlich in Planung und Baupraxis einfließen.“

Honeckers „Lösung der Wohnungsfrage bis 1990“ (dieses Datum hat sein Staat nur so gerade noch erlebt) ist deshalb ein warnendes Menetekel, weil sich in ihr modellhaft die radikalste Ausformung des fordistischen Wohnungsbaus verkörpert. Sie hat seinen Städtebau in den Ruin geführt. Doch das Konzept ist nicht tot. Unausgesprochen kommt es mit dem teils geschäftemacherischen und ideologiebefrachteten Gerede von der neuen Wohnungsnot im vereinigten Deutschland zurück. Unter dem Dogma der besinnungslosen Effektivierung und Normung serienmäßig erstellter Wohnzeilen macht sich eine Bauphilosophie breit, die auf blankem Materialismus aufbaut und das Menschliche am Bauen, also Wohnglück, Identität, Schönheit, zugunsten ökonomischer und technologischer Kriterien für einschränkbar hält.

Der Baukulturbericht dokumentiert dagegen ein weiteres Mal, dass in Deutschland zwar tatsächlich 1,3 Millionen Wohnungen fehlen, aber gleichzeitig 1,9 Millionen Wohnungen leerstehen. Entgegen landläufiger Meinung sind die Leerstände jedoch mitnichten nur ein Problem des abgehängten flachen Landes, sondern – bezogen auf sämtliche leerstehenden Immobilien – vorrangig der historischen Stadtkerne. Hier konzentrierten sie sich schon 2017 auf 65 Prozent – und haben seitdem (also seit den Zeiten der Kanzlerin Merkel) noch um elf Prozent zugenommen.

Die neue schwarz-rote Koalition ist geneigt, darin „Schrott“ zu sehen. Der Baukulturbericht erkennt dagegen eine gewaltige Ressource, bestehend aus Handelsimmobilien, leerstehenden Büros und leerstehenden Wohnbauten – eine Chance nicht nur „für eine neue Nutzungsvielfalt“, sondern auch für neues Wohnen, für eine Aufwertung des Stadtbilds und der Aufenthaltsqualität. Wie vielfältig umsetzbar, seriös finanzierbar und gesellschaftlich förderlich derartige Vorschläge zur Transformation der Städte sind, belegt der Bericht mit Fotos, Grafiken und Dutzenden Einzelbeispielen.

Es gelte, „mit Baukultur gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen“, schreiben die Autoren unter der Herausgeberschaft von Institutsleiter Reiner Nagel. Hätte das für Bau zuständige Bundesministerium den Baukulturbericht 2026/27 nicht abwarten müssen, bevor es sich zum großen Upgrade des Baugesetzbuches aufschwingt? So manche verunglückte konzeptionelle Festlegung und Wortwahl hätten sicherlich vermieden werden können.

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