Am Rand des Regierungsviertels klafft seit Jahren eine Baulücke. Nach umfangreichen Planungen will der Bund dort nun doch keine Büros mehr errichten – und bringt den Senat in eine Bredouille.
Tagesspiegel vom 12.05.2026 von Caspar Schwietering
Wer den Bahnhof Friedrichstraße durch den Hinterausgang verlässt, die Spree überquert und gen Westen geht, steht nach wenigen Metern vor einer der letzten großen Brachen im Regierungsviertel. Was mit ihr geschehen soll, ist seit diesem Wochenende wieder offen.
Geplant waren auf dem Grundstück am Schiffbauerdamm unter anderem Wohnungen und Bürogebäude für den Bundestag. Doch nun zieht sich das Parlament aus dem Projekt zurück. Das verkündeten Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) und ihr für Liegenschaften zuständiger Vize Omid Nouripour (Grüne) im „Spiegel“.
„Es geht mir um haushaltspolitische Bodenhaftung“, sagte Klöckner. Durch den Verzicht auf das zusätzliche Bürogebäude mit dem Namen Luisenblock Ost II will die Bundestagsverwaltung Baukosten in Höhe von rund 600 Millionen Euro einsparen. Beschließen soll den Baustopp die Bau- und Raumkommission am 20. Mai in einer Sondersitzung. Bei den Abgeordneten zeichnet sich eine einhellige Zustimmung zu den Plänen der Verwaltung ab. Denn in Zeiten allgegenwärtiger Spardebatten will sich keine Fraktion für einen weiteren Prachtbau des Bundestages einsetzen, der in den ursprünglichen Plänen das sogenannte Band des Bundes am Spreeufer vollenden sollte.
Seit 2009 wird über Bebauung gestritten
Berlins Bausenator Christian Gaebler (SPD) zeigte sich „überrascht“. Die Entscheidung des Bundes sei „bedauerlich“, da der „Prozess doch sehr lange gedauert hat“, sagte Gaebler am Montag im Bauausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses.
Tatsächlich wurde bereits 2009 ein städtebaulicher Ideenwettbewerb für die gesamte Fläche des Luisenblocks durchgeführt. Am Siegerentwurf gab es jedoch breite Kritik, weil auch denkmalgeschützte Gebäude verschwinden sollten. Das Abgeordnetenhaus sah daher vom Beschluss eines Bebauungsplans ab.
Um schneller voranzukommen, wurde das Gebiet anschließend geteilt. Für den westlichen Teil des Luisenblocks Ost wurde bereits 2024 ein neuer Entwurf zum Sieger gekürt. Diesen Luisenblock Ost I mit zusätzlichen Büros und Tagungsräumen will der Bundestag auch weiterhin umsetzen, hier sollen bald die Bauarbeiten beginnen. Doch auch hier hat die Bau- und Raumkommission die Mittel gekürzt.
Die Architekten müssen mit vielen Abstrichen an ihrem Entwurf leben. So werden deutlich weniger Büros gebaut. Ein Bestandsgebäude in der Luisenstraße 35 soll nun nicht saniert werden. Stattdessen wird es abgerissen und die Fläche neubebaut. Das ist weniger umweltfreundlich, aber günstiger. Auch das historische Kesselhaus wird nicht saniert. Hier war ein auch für Passanten offenes Restaurant an einem schönen Platz geplant. Stattdessen wird das Kesselhaus jetzt vorerst weiter leer stehen.
Durch die Einsparungen soll der Luisenblock Ost I nur noch etwas mehr als 700 Millionen Euro kosten. Vorher war von einem Bauprojekt in Milliardenhöhe die Rede. Doch trotz dieser Einsparungen sei eine Umsetzung der Öffentlichkeit nur vermittelbar, wenn zugleich auf den Luisenblock Ost II verzichtet werde, heißt es aus der Baukommission.
Wettbewerb stand kurz vor der Entscheidung
Das Absage des Bauprojektes des Bundestages trifft den Berliner Senat in einem heiklen Moment. Für den östlichen Teil des Luisenblocks wurde der städtebauliche Wettbewerb Ende 2025 wieder aufgenommen, 77 Entwürfe gingen ein, Anfang Juni sollten die Preisträger gekürt werden.
Martin Pallgen, Sprecher von Bausenator Christian Gaebler, betonte auf Nachfrage, dass es sich bei dem Verfahren nicht um einen „hochbaulichen Realisierungswettbewerb“ handle. Mit anderen Worten: Das Verfahren könne weiterhin wertvolle Ideen und Anregungen liefern. Wie genau mit dem Wettbewerb verfahren werden soll, darüber würden der Bund und das Land Berlin in den kommenden Tagen sprechen.
Bausenator Gaebler zeigte sich zuversichtlich, dass der angekündigte Baustopp die Entwicklung der Fläche nicht allzu sehr verzögert. „Wir sind an einem Punkt, wo wir, glaube ich, die Möglichkeit haben, das noch umzusteuern“, sagte er am Montag im Bauausschuss. Inhaltlich könne er die Entscheidung des Bundestages angesichts vieler leer stehender Büroräume in der Stadt sogar nachvollziehen. Er könne sich nun durchaus einen größeren Anteil an Wohnungen vorstellen, sagte Gaebler.
Wohnungen, Büros oder ein Park?
Entscheiden muss darüber allerdings der Bund. Denn das Areal, auf dem der Luisenblock Ost II entstehen soll, gehört der dem Bundesfinanzministerium unterstehenden Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Mehr Wohnungen statt Büros hält man allerdings auch im Bundestag für eine gute Idee.
Angesichts des angespannten Wohnungsmarktes in Berlin braucht es jede zusätzliche Fläche.
Marja-Liisa Völlers, Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD‑Fraktion
Der Vorschlag sei grundsätzlich zu begrüßen, sagte die SPD-Abgeordnete Marja-Liisa Völlers dem Tagesspiegel. Völlers hat in der Baukommission energisch dafür geworben, das Bauprojekt Luisenblock Ost II zu beenden. „Angesichts des angespannten Wohnungsmarktes in Berlin braucht es jede zusätzliche Fläche, die sich verantwortungsvoll entwickeln lässt“, betonte die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD‑Fraktion.
Auch Hanna Steinmüller, Bundestagsabgeordnete aus Berlin-Mitte und für die Grünen Mitglied in der Baukommission, ist für mehr Wohnungsbau. Diese Wohnungen müssten gemeinwohlorientiert realisiert werden, sagte Steinmüller dem Tagesspiegel.
Denkbar wäre allerdings auch, dass die Bima dort neue Bürogebäude für Bundesministerien baut. Eine andere Idee für das Areal kommt von Christopher Schriner (Grüne), Bezirksstadtrat für Straßen und Grünflächen in Mitte. „Ich kann mir da auch einen Park vorstellen“, sagte Schriner dem Tagesspiegel. „Wir haben ohnehin zu wenig Grün in dieser Umgebung. Gleichzeitig wäre das eine elegante Lösung, um notwendige Ausgleichsflächen für andere Bauvorhaben zu schaffen.“ So plant der Bund im Tiergarten ein Denkmal für die polnischen Opfer des Nationalsozialismus.
Allerdings sieht auch Schriner den dringenden Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum, pocht aber im Falle einer Bebauung auf genügend Aufenthaltsqualität. „Sollte die Fläche bebaut werden, müssen wir auch nochmal über die Höhe reden“, sagt Schriner. Würden die Bauten über die Berliner Traufhöhe von 22 Meter reichen, könnten mehr Freiräume entstehen.
