Bauwelt vom 10.04.2026 von Bernhard Schulz

Bei umstrittenen Bauvorhaben wie dem BerlinerMuseum der Moderne“ wird immer wieder gefordert, den Entwurf durch die Simulation zumindest eines Teils des geplanten Bauwerks im Maßstab 1:1 anschaulich zu machen. Abwegig ist dieses Ansinnen durchaus nicht. Es gibt einen historischen Präzedenzfall: den Entwurf für das Wiener Stadtmuseum am Karlsplatz.

Otto Wagner hatte seit 1902 an einem Entwurf gearbeitet, ohne dass der Stadtrat zu einer Beschlussfassung kam. In der Öffentlichkeit wurde heftig diskutiert, ob das „Kaiser-Franz-Josef-Stadtmuseum“ womöglich den Rang der Karlskirche mindern könnte. „Im November 1909 wurde die Aufstellung einer ,Schablone’ beschlossen, mit der die städtebauliche Wirkung von Wagners Bauwerk endgültig überprüft werden sollte“, heißt es dazu in dem Band „Ein Archi- tekt als Medienstratege. Otto Wagner und die Fotografie“, der im Detail belegt, wie Wagner die Fotografie nutzte, um für seine Ideen einzunehmen. Fotografien zeigen, dass ein Gerüst in der ganzen Breite des Museumsentwurfs aufgestellt wurde, die beiden linken Joche der Fassade jedoch bis ins Detail aufgeführt. Eine Entscheidung kam dennoch nicht zustande, vielmehr wurde der Standort für das Museum weit entfernt in den Westen Wiens verlegt (und auch dort nicht realisiert).

Wagner wusste die Fotografie für sich zu nutzen; seine Aufsehen erregenden Großbauten, insbesondere die Kirche am Steinhof und die Postsparkasse, ließ er von sorgsam gestalteten, illustrierten Broschüren begleiten. Die Wirksamkeit der Fotografie gerade auch im Hinblick auf die öffentliche Meinung dürfte Wagner anhand des Baus der Wiener Stadtbahn erfahren haben, die Wagners Ruf als entschiedenem Vertreter der Moderne begründete. Die 1898 eröffnete Gürtellinie am Westrand der Wiener Innenstadt wurde in Fachblättern, aber auch in Publikumszeitschriften ausgiebig fotografisch vorgestellt. Seither nutzte Wagner die Fotografie zur Propagierung seiner Bauten, die im Falle der zahlreichen Mietshäuser stets auch ökonomischen Interessen diente. Der von Monika Faber für das Photoinstitut Bonartes und Walter Moser für die Fotosammlung der Albertina herausgegebene Band zeigt eine Fülle von historischen Fotografien in Duotone, die erkennen lassen, wie sehr Wagner um die vorteilhafte Darstellung seiner Bauten besorgt war.

Das Buch verdankt sich der Entdeckung eines Konvoluts von gut 80 Fotografien in Wagners Nachlass und bildet insofern eine wichtige Ergänzung zur großen Jubiläumsausstellung, die das Wien Museumder Nachfahr von Wagners glückloser Planung – 2018 ausrichtete. Darüber hinaus bietet es Grundlagenmaterial für das vieldiskutierte Verhältnis von Architektur der Moderne und Fotografie.

Ein Architekt als Medienstratege
Otto Wagner und die Fotografie Von Andreas Nierhaus
Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich, Band 19, 178 Seiten mit 178 Abbildungen, 19,90 Euro
Fotohof Edition, Salzburg 2020 ISBN 978-3-902993-90-8

Die Bauwelt im Internet: www.bauwelt.de