Berlin. Seit 1980 rollt die Siemensbahn nicht mehr. Das soll sich bald ändern. Welche drei historischen Bahnhöfe dafür saniert und barrierefrei ausgebaut werden.
Morgenpost vom 20.01.2026 von Florentine Luise Lippmann, Bezirksreporterin Spandau

Seit über vier Jahrzehnten ist die Siemensbahn zwischen Spandau und Charlottenburg-Nord außer Betrieb. Rost fraß sich durch die Stahlträger, Gras wucherte zwischen den Schwellen. Jetzt kehrt das Leben auf die historische Bahnstrecke zurück. Das Bauunternehmen Porr hat den Zuschlag für einen zentralen Teil des Großprojekts erhalten und wird Brücken, Bahnhöfe und Tunnel zwischen Jungfernheide und Gartenfeld errichten. Im Herbst dieses Jahres sollen die Bauarbeiten beginnen. Ab 2029 sollen wieder Züge fahren.

Die Siemensbahn hat eine bewegte Geschichte: 1929 eröffnet, sollte sie die 24.000 Beschäftigten der Siemensstadt zur Arbeit bringen – damals einer der größten Industriestandorte Berlins. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem S-Bahn-Boykott im Zuge des Mauerbaus wurde die Strecke 1980 stillgelegt.

Siemensbahn: Im Herbst rücken die Bagger an
„Die Baumaßnahmen sollen nach dem derzeitigen Planungsstand im Herbst dieses Jahres beginnen“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn auf Morgenpost-Anfrage. Los geht es im zweiten und dritten Projektabschnitt. Zunächst wird das Gestrüpp entlang des Viadukts und des Bahndamms zurückgeschnitten, das sich in den vergangenen Jahrzehnten ausgebreitet hat. Parallel dazu laufen die Planungen für den Neubau der Brücken, die dieses Jahr abgeschlossen werden sollen. Die Genehmigung durch die zuständige Behörde erwartet die Bahn im Herbst 2026.

Rund 30 Brücken werden saniert oder neu gebaut, zahlreiche Stützwände errichtet, 15 Kilometer Gleise verlegt und neue Weichen eingebaut. Dazu kommt neue Signaltechnik für den modernen Bahnbetrieb. Die drei historischen Bahnhöfe Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld werden instandgesetzt und barrierefrei ausgebaut. An den Bahnhöfen Jungfernheide und Westhafen entstehen zusätzlich neue Bahnsteige – damit die Siemensbahn sich reibungslos in den S-Bahn-Ring einfädeln kann.

Der Denkmalschutz für den gesamten Spandauer Streckenabschnitt macht die Planungen besonders anspruchsvoll. Die Kosten liegen nach gegenwärtiger Planung bei rund 500 Millionen Euro. Das Land Berlin übernimmt im Rahmen des Projekts „i2030 – Mehr Schiene für Berlin und Brandenburg“ die Finanzierung der Planungen.

3000 Wohnungen brauchen einen S-Bahn-Anschluss
Der Grund für die Reaktivierung liegt in Spandau: Auf dem Industriegelände entsteht mit der Siemensstadt Square ein neues Stadtquartier. Moderne Büros, Forschungs- und Produktionsstätten treffen auf Wohnraum. Geplant sind rund 3000 Wohnungen, eine Schule und Kindertagesstätten. Ohne S-Bahn-Anschluss würde das nicht funktionieren.

Die neue Verbindung ist 4,5 Kilometer lang und führt vom Westhafen über Jungfernheide durch Charlottenburg und die Siemensstadt bis nach Gartenfeld. Die Strecke gliedert sich in drei Abschnitte: In der Mitte steht das markante historische Stahlviadukt, nach Nordwesten schließt der bestehende Bahndamm Richtung Gartenfeld an. Vom Viadukt Richtung Südosten führen zwei Spreequerungen zur Anbindung nach Jungfernheide.

Für die Siemensstadt Square bedeutet das eine direkte Anbindung an die Ringbahn – mit schnellen Verbindungen zum Hauptbahnhof und zum Flughafen BER. Zusätzlich wird eine Abstellanlage zwischen der Beusselstraße und dem Westhafen gebaut, damit die Betriebsqualität auf der Ringbahn trotz steigender Zugzahlen erhalten bleibt. Die Bahn untersucht außerdem, ob zur Erschließung weiterer Wohngebiete westlich der Insel Gartenfeld eine Verlängerung möglich ist.

Bauen zwischen Denkmalschutz und fahrenden Zügen
Die Arbeitsgemeinschaft Porr – Kemna Bau – MCE ist für einen großen Teil des Projekts zuständig. Die Baufirmen errichten alle Ingenieurbauwerke: Eisenbahnbrücken, Bahnhöfe, Fußgängertunnel, Lärmschutzwände und Stützmauern. Das betrifft den Abschnitt zwischen dem Bahnhof Westhafen und den Unteren Spreebrücken, wo die neue Strecke an die bestehende Hochbahn anschließt, sowie den Bereich um den Bahnhof Gartenfeld. Außerdem übernehmen die Firmen Erdarbeiten, verlegen unterirdische Leitungen und richten die Logistikflächen ein, von denen aus das gesamte Projekt koordiniert wird.
Einfach wird das nicht: Die Baustellen liegen mitten in der Stadt, oft direkt neben Gleisen im laufenden Betrieb. Viele Arbeiten müssen in den kurzen Sperrpausen der Bahn erledigt werden. Dazu kommen denkmalgeschützte Bauwerke und Arbeiten an der Spree. PORR hat schon bei der Angebotsabgabe ein digitales Modell erstellt, um die Logistik zu planen.

„Wir sind stolz, unser Know-how im Bahnbau bei diesem wichtigen Mobilitätsprojekt einzubringen“, sagt Porr-Chef Karl-Heinz Strauss. Bei der Siemensbahn setzt die Bahn auf ihr Partnerschaftsmodell: Planer und Baufirmen arbeiten von Anfang an gemeinsam. Das soll Termine und Kosten verlässlicher machen.

Die Berliner Morgenpost im Internet: www.morgenpost.de