Die DDR-Geschichte soll für Berliner Schüler in der Oberstufe kein Pflichtthema mehr sein. Das ruft Kritik hervor.
FAZ vom 15.01.2026 von Heike Schmoll
Kaum eine andere Stadt in Deutschland ist so mit den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts verbunden wie Berlin. Das gilt für den Nationalsozialismus, aber auch für die SED-Diktatur während der jahrzehntelangen Teilung der heutigen Hauptstadt. Berlin war Hauptstadt der DDR mit dem Sitz des Ministeriums für Staatssicherheit, Zentrum des Kalten Kriegs und Ort der Friedlichen Revolution. Die Spuren der beiden Diktaturen sind auf Schritt und Tritt im Stadtbild sichtbar geblieben, sie haben das Leben vieler noch lebender Berliner geprägt. Doch ausgerechnet in Berlin wird es künftig Gymnasiasten geben, die ein Abitur ablegen, ohne über die Geschichte der deutschen Teilung und die DDR vertiefte Erkenntnisse erworben zu haben. In der Oberstufe der Gymnasien soll die DDR-Geschichte künftig nicht mehr verpflichtend sein.
Die DDR-Geschichte ist zwar ein verpflichtender Unterrichtsstoff der Mittelstufe, doch wird Geschichte oft genug nur einstündig und gelegentlich auch fachfremd vom Erdkunde-, Ethik- oder Politiklehrer erteilt. In vielen Schulen wird sie verkürzt und vereinfacht dargestellt. Darauf hat der Berliner Verband der Geschichtslehrer mehrfach hingewiesen und mindestens zwei Wochenstunden Geschichte gefordert. Die Realität sieht auch wegen des Lehrermangels anders aus. Umso wichtiger wäre es aus Sicht der Berliner Geschichtslehrer, die Geschichte der deutschen Teilung als Pflichtsemester in der Oberstufe festzulegen. Die Berliner Landesvorsitzende Lea Honoré fordert gegenüber der F.A.Z. deshalb vier verpflichtende Semesterthemen für die Oberstufe wie in Brandenburg. Künftig sollen zwei Themen verpflichtend sein: im ersten Halbjahr der Oberstufe Revolutionen und im zweiten Halbjahr Nationalsozialismus. Die Themen für das dritte Halbjahr (DDR-Geschichte) und das vierte Halbjahr (Erinnerungskultur) sollen fakultativ sein.
Das halten die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Geschichtslehrer für nicht nachvollziehbar. „Die Auseinandersetzung mit Diktatur, Teilung und demokratischem Neubeginn ist kein beliebig disponibler Stoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil historisch-politischer Bildung“, heißt es in dem Schreiben an Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU). Die Kenntnis der SED-Diktatur gehöre zu den zentralen Grundlagen für demokratisches Urteilsvermögen und politische Orientierung.
Ausdrücklich begrüßen die Verbände, dass für die Geschichte der DDR und der deutschen Teilung in der Sekundarstufe I mehr Zeit eingeräumt wird. Die inhaltliche Stärkung sei das Ergebnis „langjähriger fachlicher und bildungspolitischer Diskussionen“. Doch diese Verbesserung laufe ins Leere, wenn sie nicht durch eine verbindliche Belegung von Pflichtkursen in der Oberstufe abgesichert werde. Ein Lehrplan entfalte seine Wirkung erst dann, wenn die vorgesehenen Inhalte auch tatsächlich alle Schüler erreichten, heißt es in dem Schreiben der Verbände, die befürchten, dass immer weniger Schüler die Mechanismen von Diktaturen, von Opposition, Zivilcourage und demokratischen Grundrechten verstehen.
Was die Schulbehörde plant, steht im deutlichen Widerspruch zu den Zielen des Koalitionsvertrags des schwarz-roten Senats, in dem die Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit ebenso hervorgehoben wird wie an die SED-Diktatur und die Kolonialgeschichte. Die Stärkung der Erinnerungskultur, die Unterstützung von Gedenk- und Lernorten sowie die Vermittlung der Geschichte von Diktatur und Demokratie werden im Koalitionsvertrag als zentrale Aufgaben benannt.
Die Verbände schreiben: „Wer die Auseinandersetzung mit der Geschichte der deutschen Teilung zur bloßen Wahlmöglichkeit macht, schwächt das historische Urteilsvermögen kommender Generationen und untergräbt zentrale Voraussetzungen demokratischer Bildung.“ Die Bildungssenatorin wird aufgefordert, an einer verbindlichen Behandlung der deutschen Teilung und der DDR in der Oberstufe festzuhalten. „Berlin kann und darf es sich nicht leisten, diese Geschichte zu marginalisieren“, heißt es in der Erklärung. Die Berliner Schulbehörde sah sich bis zum Redaktionsschluss nicht zu einer Stellungnahme in der Lage. Das ist umso unverständlicher, als Günther-Wünsch vor Geschichtslehrern schon die Bedeutung der DDR-Geschichte bekräftigt hat und selbst aus dem Osten kommt, sie ist 1983 in Dresden geboren.
Berlin hat sich aus guten Gründen dazu entschlossen, ein eigenes Landesinstitut zur Qualitätssicherung zu gründen, doch das hat zur Folge, dass nicht einmal Fortbildungen zwischen Brandenburg und Berlin anerkannt werden und es auch keine Abstimmung der Lehrpläne mehr gibt. Während die DDR-Geschichte in Brandenburg verpflichtend für die gymnasiale Oberstufe ist, will Berlin das Thema in das Ermessen der jeweiligen Schulen und Geschichtslehrer stellen. Berliner Abiturienten müssen in ihrer Schullaufbahn nicht nur auf eine genauere Kenntnis des Mittelalters und der Antike verzichten, sondern sollen künftig auch noch unverständig durch ihre eigene Stadt laufen? Die Geschichtslehrer haben den Eindruck, gegen Windmühlen zu kämpfen. Ihre Kritik am Mischfach Gesellschaftswissenschaften (Geschichte, Geographie, Politik und Ethik) hat sich die Staatssekretärin angehört, im Schulalltag hat sich allerdings wenig geändert. Es gibt kein Bundesland, das so wenig Geschichtsunterricht in der Sekundarstufe I erteilt wie Berlin.
