Nur wenige Projekte in der Hauptstadt profitieren von der Neuregelung. Doch wo sollen die Giganten tatsächlich entstehen
Morgenpost vom 13.01.2026 von Isabell Jürgens

Berlin Das vom schwarz-roten Senat beschlossene neue Berliner Hochhaus-Leitbild, das seit Jahresbeginn gilt, soll den Hochhausbau durch einfachere Verfahren beschleunigen. Es löst das Hochhaus-Leitbild von 2020 ab, das der rot-grüne Vorgängersenat eingeführt hatte. Die Evaluation des bisherigen Leitbildes habe gezeigt, dass insbesondere der Bau von Wohnhochhäusern vereinfacht werden müsse, begründete Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD) den Schritt. Die Wirkung auch des neuen Leitbildes ist unter Fachleuten allerdings umstritten.

Während die meisten Berlinerinnen und Berliner bei Hochhäusern an Gebäude in der Kategorie 100 und mehr Meter denken, greift das Leitbild bereits ab einer Höhe von 35 Meter Höhe, die durch die „Berliner Traufe“ (21–22 Meter) geprägt ist. Dass in Berlin tatsächlich so hoch gebaut wird, ist allerdings die ganz große Ausnahme, wie eine Evaluation der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zeigt.

Nur fünf Türme mit mehr als 100 Metern geplant

Demnach sind aktuell 51 Hochhäuser in Berlin geplant, von denen sich 80 Prozent noch in einer frühen Planungsphase befinden und somit unter die neuen Leitlinien fallen. Lediglich drei haben sämtliche Planungsphasen durchlaufen und stehen damit unmittelbar vor dem Baustart. Weitere acht haben verschiedenste Beteiligungsverfahren bereits durchlaufen, der Baubeginn könnte damit noch in diesem Jahr erfolgen. Von den 51 Hochhäusern sind allerdings nur fünf mit mehr als 100 Metern avisiert. Darunter etwa der Turm-Neubau namens „Central Tower“ an der Jannowitzbrücke in Berlin-Mitte, um dessen Höhe von 105 Metern lange gestritten wurde.

Nach Manhattan an der Spree, wie es Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sich nach einem New-York-Besuch gewünscht hat, sieht das nicht aus. Immerhin: Am Mittwoch wird für das erste neu geplante Hochhaus am Alexanderplatz in Berlin-Mitte, das 146 Meter hohe, in das Gebäude des Warenhauses Galeria Berlin integrierte „The Berlinian“ Richtfest gefeiert. Und der Estrel-Tower an der Sonnenallee, Berlins höchstes Gebäude, wird Ende dieses Jahres fertiggestellt.

In die Kategorie 80 bis 100 Meter fallen immerhin noch acht Hochhäuser und 14 bringen es auf eine Höhe von 60 bis 80 Metern. Mit 21 werden die meisten Hochhäuser jedoch in einer Höhe von 40 bis 60 Metern geplant. Drei weitere kommen lediglich auf unter 40 Meter.

Damit insbesondere der Bau von Wohnhochhäusern erleichtert wird, gibt es in der neuen Hochhaus-Leitlinie speziell für solche Gebäude Lockerungen. Hochhäuser über 60 Meter müssen nicht mehr zwingend einen Gewerbeanteil enthalten. Zudem sollen Planungsprozesse vereinfacht werden: Statt mehrerer Begutachtungen durch das Baukollegium gibt es künftig nur noch eine frühe Prüfung, die finale Qualitätskontrolle soll durch eine Wettbewerbsjury oder die Senatsbaudirektorin erfolgen. Neue Zielvorgabe: Nach maximal drei Jahren soll der Bebauungsplan beschlossen sein.

Öffentlich zugängliche Flächen müssen zudem nicht mehr zwingend auf dem Dach sein, sondern können auch im Sockelbereich entstehen – das alte Leitbild hatte diese Vorgabe noch verpflichtend gemacht.

Grundsätzlich sind die neuen Leitlinien zu begrüßen, sagte Ephraim Gothe (SPD), Baustadtrat von Mitte, bei einer Anhörung im Stadtentwicklungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Im Bezirk Mitte sind aktuell acht Hochhäuser verschiedenster Höhe geplant, darunter etwa ein 50-Meter-Wohnhochhaus durch die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft WBM an der Köpenicker Straße. Er vermisse jedoch, so Gothe weiter, dass aus dem Leitbild nicht hervorgehe, wo eigentlich die Hochhäuser der 100-Meter-plus-Klasse stehen sollen. Dass ausgerechnet an der Sonnenallee in Neukölln Berlins höchster Turm entstehe – und nicht an den zentralen, bereits existierenden Hochhaus-Clustern am Breitscheidplatz, Alexanderplatz, Potsdamer Platz, am Hauptbahnhof oder an der Uber-Arena –, sei die Folge, kritisierte Gothe.

„Die räumliche Festlegung wirkt als Spekulationstreiber“, begründete Gaebler, weshalb man auf die Ausweisung konkreter Standorte verzichtet habe. Zudem sei das Leitbild kein Hochhausentwicklungsplan, sondern ein Abwägungsinstrument, das allen Beteiligten dabei helfen solle, künftige Projekte besser zu begleiten.

Unterstützung bekam Gaebler vom „Upper-West“-Architekten Christoph Langhof – allerdings aus anderen Gründen: „Gebaut wird nicht da, wo es die Politik gerne hätte, sondern dort, wo es sich für den Bauherren rechnet“, so Langhof. Wer sich mehr Wohntürme wünsche, müsse zuallererst dafür sorgen, dass die Genehmigungsprozesse radikal vereinfacht und gestrafft werden – denn lange Planungsprozesse seien der Hauptkostentreiber.

Die Berliner Morgenpost im Internet: www.morgenpost.de