Der „Bauturbo“ wiederholt Fehler, die sogar dem Bauhaus-Gründer als „wahre Gräuel“ galten. Spätere Generationen werden die billigen Häuser teuer bezahlen. Stattdessen empfehlen Architekten andere Lösungen, die Deutschland 2,7 Millionen neue Wohnungen bringen würden.
Weltplus vom 02.01.2026 Dankwart Guratzsch
Mit dem Maßnahmenpaket für die Bauwirtschaft hat die Bundesregierung einen Riesenschritt zur Lösung der Wohnungskrise getan – zugleich aber einen zweideutigen. Die Devise lautet, Milliardeninvestitionen zu stemmen, um künftige Generationen zu entlasten. Aber der Bauturbo beinhaltet Optionen, die genau das Gegenteil bewirken. Man muss die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zugrundelegen, um die Gefahren zu sehen, die in der bürokratischen Vereinfachung liegen.
Die Fallstricke der neuen Baupolitik werden verschleiert durch das Schlagwort vom Bürokratieabbau. Dabei wird ausgeblendet, dass viele bürokratische Regeln entwickelt worden sind, um von den Systemfehlern des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg endlich wegzukommen. Zu diesen Fehlern zählten das serielle dünnwandige Bauen mit der eingebauten kurzen Halbwertzeit und dem hohen Energieverbrauch der Gebäude, die Flachdachideologie mit ihrer Beschäftigungsgarantie für das Dachdeckergewerbe, die Wegwerfideologie für das frühzeitig Verschlissene und die systematische Erschwerung der Nach- und Umnutzung gebrauchter Bauhüllen – alles Baulasten, die heute mit Milliardenkosten wiedergutgemacht werden müssen.
Vieles von den teuren Dämmungs- und Umrüstungsmaßnahmen auf dem Wohnungssektor hätte man sich sparen können, wenn man bei den nachhaltigen, sparsamen, haushälterischen und klassischen Bauweisen geblieben wäre. Vergessen ist, dass es die Gründerzeit war, mit der die Wohnungsprobleme der größten Bevölkerungsexplosion der deutschen Geschichte am Ende des 19. Jahrhunderts innerhalb von nur einer Generation gelöst wurden. Stattdessen wurde auf Teufel komm heraus mit neuen Technologien, Baustoffen und Konstruktionen experimentiert, von denen die schlimmste und gefährlichste die Serialität war. Aber ausgerechnet diese, mit der industrielle Fertigungsweisen der Serienfabrikation auf die Wohnung des Menschen übertragen wurden, wird jetzt erneut als Allheilmittel für den kranken Wohnungsbau angepriesen.
Worin liegt die Tücke dieses Konzeptes, das nun auch für den „Bauturbo“ der Bundesregierung Pate steht? In der „tödlichen Gleichförmigkeit“. Bauhaus-Gründer
Gropius führte sie auf „falsches Denken“ zurück, das dazu verführe, „ein und dasselbe Haus industriell (zu) vervielfältigen statt nur Hausbestandteile, was die Flexibilität wahren würde“. Während Ernst May lebenslang darin nichts Abträgliches erkennen konnte, gelangte der alte Gropius, mit dem er einst so viele Grundüberzeugungen geteilt hatte, in seinen späten Jahren zu ganz anderen Einsichten. Man habe, so seine unbarmherzige Selbstkritik, „wahre Gräuel von reglementierten Wohnhaussiedlungen produziert“ . „Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen“ sah er nun auch selbst als „das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen.“
Als pars pro toto kann hier die von May errichtete Plattenbausiedlung Westhausen dienen. Fünfzig Jahre nach ihrer Erbauung 1929-31 musste Liselotte Ungers, Gattin des Architekten Oswald Mathias Ungers, in ihrer Untersuchung „Die Suche nach einer neuen Wohnform“ erkennen: „Bei den 400 Häusern, die in Plattenbauweise errichtet wurden, bestehen immer noch Feuchtigkeitsprobleme, da die Isolierung von Anfang an unzureichend war. So ist der Anfall an Reparaturen bei diesen Häusern größer als bei denjenigen, die in konventioneller Bauweise errichtet wurden. Die Kosteneinsparung, die bei der Herstellung durch eine verkürzte Bauzeit erreicht wurde, war also insofern keine echte, da infolge der Bauweise in den späteren Jahren erhöhte Unterhaltungskosten anfielen.“
Man muss sich klarmachen, welche Botschaft sich in dieser Analyse verbirgt. Denn der gesamte deutsche Wiederaufbau in beiden deutschen Staaten ist in hingebungsvoller Adaption den Prinzipien dieses „neuen bauens“ aus den 1920er-Jahren gefolgt – mit allen Versprechen und allen eingebauten Mängeln. Sind wir in Gefahr, mit der Wiederauflage des industrialisierten Bauens diesem Spuk ein weiteres Mal aufzusitzen?
In der aktuellsten Publikation zum Thema beklagen Jutta Albus und Kirsten E. Hollmann-Schröter, dass „der sozio- und baukulturelle Mehrwert einer qualitativ hochwertigen Wohnumgebung (...) im vorgefertigten Bauen mit seriellen Komponenten aktuell als zweitrangig erachtet“ werde. Nach Meinung der Autoren greife das zu kurz. Um den Wohnwünschen breiter Schichten entgegenzukommen, müsse Wohnungsbau heute bemüht sein, „einer stereotypen Gebäudeerscheinung und dem Mangel an Identität des Gebauten entgegenzuwirken“. Und zwar aus äußerst menschlichen Gründen: „Früher eher Allzweckräume für alle Personen des Haushalts, werden einzelne Räume jetzt spezifisch genutzt und diversen Familienmitgliedern zugeordnet. Die Wohnung wird noch mehr zum Ort von Privatheit, Erholung und Individualität.“ Vermag der neue „fordistische“ Wohnungsbau solchen Trends gerecht zu werden?
Gefordert ist mehr Grips, nicht mehr Maschine am Bau. Dafür bringt die genannte Publikation mit Beiträgen namhafter Architekten eine Fülle von Anregungen (J. J. Happ und H. Kleine-Kraneburg: „Für eine nachhaltige Architektur der Stadt“, Wagenbach, 160 S., 15 Euro). Wenn es gelänge, in ein bis zwei Prozent der 16 Millionen deutschen Ein- und Zweifamilienhäuser auch nur eine zusätzliche Wohnung zu schaffen, könnten pro Jahr 160.000 bis 320.000 Wohneinheiten entstehen (Ernst Böhm).
Der Autor, Gründungsgesellschafter der B&O-Gruppe und Träger des deutschen Nachhaltigkeitspreises Architektur, hält einen Kurswechsel in der Klimapolitik für „dringend erforderlich“ – nicht um die Klimaziele abzuschwächen, sondern sie auf einem „Praxispfad CO²-Reduktion“ mit ganz anderen Erfolgsaussichten zu erreichen. Das Ziel sieht er in einer Kostenersparnis am Bau von 50 Prozent, womit sich die Anzahl der gebauten Wohneinheiten von 250.000 auf 500.000 jährlich verdoppeln lasse.
Vorschläge für einen echten Bauturbo liefert auch der Architekturprofessor und Autor Michael Mönninger. Allein im inneren S-Bahnring Berlins glaubt er, „fast vier Millionen Quadratmeter Bruttogeschossfläche ohne jeden Abriss“ gewinnen zu können, in ganz Deutschland 2,7 Millionen neue Wohnungen nur allein durch Aufstockungen und Dachausbauten.
Das Letzte mit dem sich im Wohnungsbau punkten lässt
Es ist die Thematik, in der sich alle Autoren des Bandes treffen: Gebäudeabrisse sind das Letzte, mit dem sich im Wohnungsbau noch punkten lässt. Nicht Abriss und Neubau, sondern Umbau, Ausbau, Anbau und Aufstockung muss die Losung sein. Das verstockte 1920er-Jahre-Denken und die Wegwerfmentalität der Nachkriegsjahre haben die Bauwirtschaft auf eine falsche Fährte gelockt. „In den letzten Jahren wurden in Deutschland durchschnittlich 1,9 Millionen Quadratmeter Wohnfläche und 7,5 Millionen Quadratmeter Nutzfläche jährlich abgerissen“ (Thomas Schröer), ein barer kosten-, wohnungs-, klima- und baupolitischer Nonsens und einsame Spitze in tausend Jahren deutscher Baugeschichte.
Seit 80 Jahren wartet das Land auf eine neue Vorstellung von Baukultur. Das fabrikmäßige Bauen hat sich für Häuser von der Stange und wahre „Elefanten-Klos“ (Michael Mönninger) begeistert, in dem 1945 totalzerstörten Land aber keine „neuen Heimaten“ geschaffen. Lehren aus der Kurzlebigkeit der Wohnungsproduktion der Nachkriegsjahre wurden bis heute nicht gezogen. Die Schuldenberge können unter diesen Auspizien nur immer weiter wachsen, weil jede neue Generation erst die Schulden der Väter abtragen muss, ehe sie selbst zur Gestaltung einer menschenwürdigen Zukunft Anlauf nehmen kann, die dann ihrerseits weitere Milliardeninvestitionen erfordert.
Die Fehlsteuerung hat mit der generellen Unterschätzung der fundamentalen kulturellen Bedeutung von Architektur und Städtebau zu tun. Die aktuelle politische Praxis weiß nichts mehr von der ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts. Sie unterschätzt und attackiert gezielt die Langlebigkeit des unverwelklich Schönen, das in seiner epochenüberspannenden Würde und Nachhaltigkeit über das Spektakel der sinnentleerten Innovationsraserei triumphiert. „Es gibt nichts Nachhaltigeres als die vor 150 Jahren gebauten Gründerzeithäuser,“ schreibt der Berliner Architekt Hans Kollhoff in dem genannten Band, der sich wie eine Klatsche für das großmäulige Ankündigungstätärätätä einer „Bauwende“ liest.
Kann eine Baupolitik, die sich als triviale Pflichterfüllung zur Behebung von Wohnungsnot versteht, überhaupt noch andere Maßstäbe als die des nackten Nutzens, der Billig- und Primitivbauweise durchsetzen? Sie muss. Sonst sind die Häuser, die sie hinstellt, keinen Schuss Pulver wert und fallen in der nächsten Baukrise von allein zusammen.
