Er gab der legendären „Berliner Mischung“ aus Wohnen und Arbeiten ihre erste Form. Der Hobrecht-Plan aus dem Jahr 1862 hat seine sozialpolitische Gestaltungskraft bis heute nicht verloren.
Tagesspiegel vom 30.12.2025 von Nikolaus Bernau
Er war wichtiger für das moderne Berlin als Andreas Schlüter und Karl Friedrich Schinkel zusammen. Sein Erbe überstand sogar den Bombenkrieg und den Autowahn der Nachkriegsjahrzehnte in West-Berlin und der DDR: An Silvester vor 200 Jahren wurde im ostpreußischen Memel James Friedrich Ludolf Hobrecht geboren, dem Berlin große Teile seines innerstädtischen Straßennetzes, die schönen Fußgängerwege, Straßenbäume, kleinen Stadtparks, Markthallen und die bis heute trotz funktionierende Kanalisation verdankt.
Sein „Hobrecht-Plan“ von 1862 gilt inzwischen sogar, hoch idealisierend, als sozialpolitischer Urbaustein der „Berliner Mischung“ aus Wohnen und Arbeiten. Doch wer war der Mann hinter diesem Plan?
Vor 25 Jahren erschien im Verlag Berlin-Brandenburg die letzte umfassende Biografie Hobrechts, verfasst von Klaus Strohmeyer. Der konnte noch mit Nachfahren des Planers sprechen, familiäre Erinnerungen sowie Dokumente und die seit dem Ende des Kalten Kriegs wiedervereinten Berliner Archive auswerten. Und er machte klar: Hobrecht war eben nicht der preußische Planungspolizist, der breite Straßen und Riesenblöcke plante, damit die Grundeigentümer mit schnell gebauten, billigen und viel zu dicht gestellten „Mietskasernen“ möglichst viel Geld aus den Proleten herauspressen konnten.
Vorurteile gegenüber der großen Stadt
Das war nur die seit der Kaiserzeit von sozialistischen, liberalen und konservativen, auch völkischen Wohnungs- und Städtebau-Reformern gestrickte Legende. Sie betteten Hobrechts Metropolen-Plan von 1862 in die bereits bestehenden Vorurteile ein, die gerade in Deutschland großen Städten oft entgegengebracht werden: Sie seien der Hort von Krankheiten, Ausbeutung, Armut, Prostitution, Zerstörung des Familienlebens, von sozialer und kultureller Deklassierung, Entfremdung und damit der Nährboden von Revolutionen – der Urangst des Bürgertums seit der Französischen Revolution von 1789.
Spätestens seit dem dreibändigen Werk von Jonas Geist und Klaus Kürvers über die Geschichte der Mietskaserne aus den 1980er-Jahren ist aber klar: Hobrechts Plan legte das Grundgerüst des modernen, dynamischen, kapitalistisch-bürgerlichen, industriellen Berlin. Ohne ihn hätte die Stadt ihr immenses Wachstum seit den 1860er Jahren, das lange nur von dem Chicagos übertroffen wurde, nicht bewältigt.
Die Internationale Bauausstellung in West-Berlin von 1987 und ihre Wiederentdeckung der Innenstadt als Lebensraum trugen weiteres zur Rehabilitierung von Hobrecht bei. Und der damalige, kürzlich verstorbene Senatsbaudirektor Hans Stimmann machte ihn nach 1990 zum Maßstab für die bauliche Wiedervereinigung Berlins, forderte Dichte, geschlossene Straßen- und Blockränder, einheitliche Traufkanten und von Wänden geprägte Fassaden.
Politischer Reformer
James Hobrecht kam aus einer ostpreußischen Beamten- und Klein-Gutsbesitzerfamilie. Sie hatte enge familiäre Bindungen nach England und damit ins liberale Westeuropa – daher auch sein Vorname. Mit 16 begann er eine Ausbildung als Vermesser in Königsberg, studierte später mit wechselndem Erfolg an der Berliner Bauakademie Ingenieurswesen und Architektur.
Politisch gehörte er wohl zu den Reformern, die sich einen demokratischen, deutschen Nationalstaat wünschten. Jedenfalls bewachte er 1848 als Teil der studentischen Bürgerwache mit das Berliner Schloss. Nach dem Zusammenbruch der Revolution machte Hobrecht 1849 sein Bauführer-Examen, heiratete 1853 Henriette Wolff, hatte mit ihr drei Söhne und vier Töchter. 1858 trat er der Königlichen Polizei für Baufragen bei, übernahm 1859 die Leitung der Kommission zur Erarbeitung eines Bebauungsplans für Berlin und seine Vororte. 1862 legte er schließlich sein Hauptwerk vor: eben den Hobrecht-Plan.
Stadtplanung im 19. Jahrhundert war fundamental anders als heute. Es ging nur um ein technisch-funktionales Regelwerk. Zentral waren Feuersicherheit, Wasserzufuhr, Abwasser- und Müllentsorgung. Dazu kam die Forderung, dass die Städte „schön“ sein sollten, um den Wert der Häuser zu sichern: Sauberkeit (auch wenn es Berlin niemals zu der grandiosen Pariser Lösung der mit Wasser gereinigten Straßenseiten brachte), Straßen mit Bäumen, geschlossene Hausfronten, elegante Schmuckplätze, Markthallen und verstreut in diesem Raster monumentale Kirchen, Museen, Rathäuser, Universitäten, Parlamente waren die Maximen, denen sich auch Paris, Wien, Warschau verschrieben.
Zusammenleben nach Pariser Vorbild
Soziale Fragen spielten dagegen kaum eine Rolle. Immerhin: Hobrecht entwickelte ein Ideal des Zusammenlebens nach Pariser Vorbild: In den unteren Geschossen des Vorderhauses sollten die wohlhabenderen Bürger wohnen, darüber Facharbeiter und Handwerker, unter dem Dach die Dienstboten, in den Hinterhäusern die Fabrikarbeiter: Durch diese Nähe der sozialen Schichten, so glaubte er, ließe sich der Revolution vorbeugen.
Deswegen wandte sich Hobrecht auch konsequent gegen die Aufteilung der Stadt nach sozialen Gruppen und die Reihen- und Kleinhäuser: „Nicht ‚Abschließung‘, sondern ‚Durchdringung‘ scheint mir aus sittlichen und darum aus staatlichen Rücksichten das Gebotene zu sein“. Mischung, das Stichwort eines liberalen Städtebaus unserer Zeit, hatte auch für ihn positiven Wert.
Sein hohes Ideal funktionierte allerdings nur bedingt. Berlin wuchs zu schnell, die Interessen der Grundbesitzer waren zu stark. Die von Hobrecht gezeichneten Blöcke, in deren Innerem er Stadtgärten und kleine Parkanlagen vorgesehen hatte, wurden vollständig mit Vorder-, Seiten- und Hinterhäusern in langen Reihen bebaut und von viel zu vielen Menschen bewohnt.
Zugleich war Berlin die einzige westliche Metropole des 19. Jahrhunderts ohne Hüttensiedlungen. Dank Hobrecht erhielt die Stadt ein modernes Zu- und Abwassersystem, das Häuser flächendeckend mit Wasseranschlüssen und Wassertoiletten versorgte. Berlin blieb dadurch von vielen großen Epidemien verschont, die Metropolen wie Hamburg oder London regelmäßig heimsuchten.
Er war kein Revolutionär, sondern ein liberaler Reformer, überzeugt davon, dass nicht Wohneigentum, sondern Mieten die Dynamik der bürgerlichen Gesellschaft erhält, dass Städte gut und effizient geplant sein müssen. Dass Hobrecht nach einem Jahrhundert oft ruchloser Diffamierung heute als Heros moderner Stadtplanung gilt, hat aber vor allem einen Grund: Die Bevölkerungsdichte in den Mietskasernen ist dramatisch gesunken. Heute stehen statistisch jeder Person in Berlin etwa 1,7 bis zwei Räume zur Verfügung, zu seinen Zeiten lebten auf derselben Fläche vier bis acht Menschen. Erst dadurch sind die Häuser und Hinterhöfe lebbar geworden.
Doch hat man auch erkannt, dass die modernistische Gegenreaktion auf Hobrecht – die radikale Auflösung der Dichte, wie sie die von der Karl-Marx-Allee über Wedding und sogar noch neue Stadtplanungen etwa in Karow prägte – den sozialen Zusammenhalt zerstörte. Genau den aber brauchen wir, um die Demokratie gegen ihre Feinde zu schützen – die nicht zufällig meistens das Einfamilienhaus als Ideal preisen.
Hobrechts Plan war überdies ungewollt ökologisch. Er konzentrierte das Siedlungsgebiet auf die Flächen, die zu Fuß, mit Fahrrad oder Tram zu erreichen waren, ließ dem Ackerbau seinen Raum. Wir werden noch viel über diesen verkannten Mann als den bedeutendsten Stadtplaner Berlins sprechen.
