Mehr als ein Vierteljahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkriegs blieb der Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte ein Trümmerfeld. Doch dann fasste die DDR-Führung den Entschluss, den Platz, der einst von zwei Kirchen und dem Nationaltheater dominiert war, wiederherzustellen. Ausgerechnet eine Kirche sollte dabei den Anfang machen.
FAZ vom 29.12.2025 von Dr. Christian Walther

Vor fast fünfzig Jahren, am 6. September 1976, trafen sie sich am Rande der Leipziger Messe: Manfred Stolpe, seit 1969 Leiter des Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, Edelgard Backes und ihr Vorgesetzter Ludwig Geißel vom Diakonischen Werk in Stuttgart, dazu – nur für drei Tagesordnungspunkte – auch Manfred Seidel aus dem Außenhandelsministerium der DDR. Seidel war dort Stellvertreter von Alexander Schalck-Golodkowski und wie dieser ein ranghoher Mitarbeiter der Stasi – und zuständig für die sogenannten A- und B-Geschäfte zwischen Ost und West: Kirchengeschäfte und Häftlingsfreikauf.

Gesprochen wurde über Bauprojekte, vor allem in den Neubauvierteln der DDR-Städte, außerdem über den Wiederaufbau des Französischen Doms, genauer: der Französischen Friedrichstadtkirche. Das Protokoll vermerkt, „daß der Auf- und Ausbau der Friedrichstadtkirche auf jeden Fall durchgeführt werden soll, wobei die Frage der Kosten baldmöglichst zwischen allen Beteiligten geklärt werden sollte“.

1705 war die Französische Friedrichstadtkirche eingeweiht worden. Damals lag sie außerhalb der Berliner Stadtmauer inmitten der frisch errichteten, von Hugenotten geprägten Friedrichstadt. Das Geld für den Bau stammte aus Kollekten in der Gemeinde, dem Verkauf von Grabstellen und einer Lotterie. Für einen Turm aber reichte es nicht. Erst König Friedrich II. ließ achtzig Jahre später auf früherem Friedhofsgelände den Kuppelturm (Französisch: Dôme) errichten, der der gesamten Immobilie den volkstümlichen Namen Französischer Dom eintrug. Die Kirche gehörte der Gemeinde, der Turm dem Staat, der im Gegenzug Nutzungsrechte an die Gemeinde übertrug.

Gemeinsam mit Deutschem Dom und Schauspielhaus war ein Ensemble entstanden, über dessen Qualität in der DDR kaum gestritten wurde. Die Ruinen der im Bombenkrieg des Jahres 1944 schwer getroffenen Kirchen blieben erhalten, während die Überreste des nahegelegenen Hohenzollern-Schlosses abgetragen wurden. Von 1961 an galt für den mittlerweile zum Platz der Akademie umbenannten Gendarmenmarkt die „Verordnung über die Pflege und den Schutz der Denkmale von besonderer nationaler Bedeutung und internationalem Kunstwert“. Doch praktisch hatte dies zunächst kaum Folgen.

Die Kirchenräume waren weiterhin unbenutzbar, in der Turmruine des Französischen Doms hatten sich Hugenottengemeinde und -museum notdürftig eingerichtet. 1947 war erstmals der Wiederaufbau erwogen worden, doch für die entsprechenden Pläne fehlte das Geld. 1952 wollte die Gemeinde alles vorbereiten, „um im Rahmen von zur Verfügung gestellten Mitteln den Wiederaufbau des Kirchenschiffes in der ursprünglichen Form durchführen zu können“. Drei Jahre später gab sie dieses Ziel wieder auf: „Eine so große Kirche lässt sich auch sehr schwer oder gar nicht heizen“, so begründete Pfarrer Karl Manoury den Plan, einen Teil der Überreste der Kirche abzureißen und einen Kirchsaal mit deutlich verminderter Grundfläche zu errichten. Die Gemeinde erbat das Einverständnis des Chefarchitekten beim Magistrat für Groß-Berlin, Hermann Henselmann, erhielt aber eine Antwort von der Denkmalpflege, die erstaunlicherweise zustimmend ausgefallen war. Doch auch dieser Plan versandete.

1956 schrieb Bodo Küttler, der Leiter der Fachreferates für Denkmalpflege beim Magistrat von Groß-Berlin, dass „die Wiederherstellung der beiden Kirchen und ihrer Turmbauten sowohl als auch des Staatlichen Schauspielhauses geplant“ sei. Andere Bedürfnisse aber hätten Priorität, sodass er seine Hoffnungen auf das Jahr 1960 setze, den 275. Jahrestag des Edikts von Potsdam, das den Zustrom der Hugenotten nach Berlin beflügelt hatte. Auch dazu kam es nicht.

Immerhin waren 1964 überraschend Kapazitäten freigeworden, um eine beschädigte Säule im Ostportikus des Turms zu reparieren. Der VEB Elbe-Naturstein, Dresden, lieferte das Baumaterial und stellte die Steinmetze, der VEB Stuck und Naturstein Berlin übernahm die Montage.

1967 drohte ein massiver Eingriff: Die Denkmalpflege wollte ein „Inanspruchnahmeverfahren“ für die Friedrichstadtkirche einleiten, „um das Grundstück in Volkseigentum zu übernehmen“. Die Raumbedürfnisse der Hugenottengemeinde sollten andernorts befriedigt werden. Widerspruch der Hugenotten ist nicht dokumentiert. Im Gegenteil: „Das Staatssekretariat für Kirchenfragen hat mit den zuständigen Kirchenbehörden geklärt, dass eine Nutzung dieses Objekts für Zwecke der Kirche nicht mehr in Frage kommt.“

Doch die „Inanspruchnahme“ unterblieb – warum auch immer. Die Aktenüberlieferung ist so lückenhaft, dass Raum bleibt für Spekulationen. Vielleicht spielten die streng geheimen Verhandlungen der DDR mit Kirche und Diakonischem Werk im Westen eine Rolle. Bis heute sind sie kaum erforscht, obwohl es um Milliarden ging. Am Anfang stand die SED, die die Erhebung von Kirchensteuern untersagt und damit den Kirchen die finanzielle Existenzgrundlage entzogen hatte. Die West-Kirchen sprangen ein und schmuggelten Waren und Bargeld in den Osten. Das war illegal und wurde nach dem Bau der Mauer noch schwieriger als ohnehin. Reymar von Wedel, Anwalt der West-Berliner Evangelischen Kirche, berichtete, dass auch westliche Militärgeistliche mit Diplomatenpass tätig wurden. So habe ein französischer Militärpfarrer jeden Monat den französisch reformierten Pfarrer in Ostberlin getroffen – in seinem Fahrzeug hatte er Waren und Bargeld dabei.

Doch bald wurde der riskante Schmuggel ersetzt durch ein Verfahren, das mit der DDR verabredet wurde, um Waren aus dem Westen einführen zu können und im Gegenzug den Kirchen im Osten Geld zur Verfügung zu stellen. Schon 1957 brachte die EKD dafür – unter der Bedingung absoluter Diskretion – mehr als 23 Millionen Mark auf, 1958 mehr als 31 Millionen.

Bevollmächtigter im Westen war der Direktor beim Diakonischen Werk, Ludwig Geißel. Seine Aufgaben wuchsen rasch. Neben die Kirchengeschäfte A, die tatsächlich den Kirchen mit ihrem Personal, ihren diakonischen und sonstigen Einrichtungen zugutekamen, traten 1964 – unter noch strengerer Geheimhaltung – die Kirchengeschäfte B: Häftlingsfreikauf. Die Kirchengeschäfte C, die vom Diasporahilfswerk der deutschen Katholiken, dem in Paderborn ansässigen Bonifatiuswerk, abgewickelt wurden, hatten nur die Dimension einer Fußnote.

Der Menschenhandel der DDR hatte in den Fünfzigerjahren begonnen und war zunächst auf inhaftierte Kirchenmitglieder beschränkt. Doch bald begann ein schwunghafter Handel, der erst mit dem Zusammenbruch der DDR im Jahr 1989 sein Ende fand. Zur Hochzeit des Kalten Krieges wäre es politisch unmöglich gewesen, die DDR direkt mit öffentlichen Geld- oder Warentransfers zu unterstützen. Doch die als humanitär deklarierten Umweggeschäfte wurden unter Beteiligung höchster Regierungskreise abgewickelt: Neben den jeweiligen Bundeskanzlern waren das die Minister für gesamtdeutsche Fragen, darunter Rainer Barzel (CDU), Erich Mende (FDP) und Herbert Wehner (SPD). Dass die Westwaren oft gar nicht die DDR erreichten, sondern sofort auf dem internationalen Markt gegen Devisen verkauft wurden, blieb im Westen lange unbekannt.

Ludwig Geißels Gesprächspartner in Ostberlin waren nicht beim Staatssekretariat für Kirchenfragen angesiedelt, sondern im Ministerium für Außenhandel. Hier hatten ab 1966 Alexander Schalck-Golodkowski und sein Stellvertreter Manfred Seidel das Sagen. Ihr Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) war durch Verfügung 61/66 des Vorsitzenden des Ministerrats der DDR („Vertrauliche Verschlußsache“) zwecks „Durchführung der kommerziellen Beziehungen zu Religionsgemeinschaften“ entstanden. Im Kern ging es um die Maximierung des Nutzens dieser Beziehungen zugunsten der DDR.

Da passte es gut, dass Geißel 1971 – mutmaßlich mit Rückendeckung aus Bonn – ein Kirchenbauprogramm vorschlug, ausgestattet mit der aus Geißels Sicht „enormen Summe von rund 100 Millionen Mark“. Die stets devisenklamme DDR stimmte am 13. Dezember 1972 zu. Damit wurde eine Liste von zunächst 45 Objekten gebilligt: Restaurierung von Kirchen war der eine Schwerpunkt, der Bau von Gemeindezentren in Neubaugebieten der andere. „Objekt 26“ auf der Liste war der Französische Dom, genauer: die Französische Friedrichstadtkirche.

Die Haltung der Hugenotten zu ihrer Kirche war ambivalent. Zeitweilig war die Gemeinde im Begriff, sich in Gedanken von dem für sie viel zu großen Kirchenschiff zu trennen. Der Turm solle ausreichen: im Erdgeschoss ein Kirchsaal, darüber das Museum, dazu Nebenräume sowie die Wohnungen für Küsterin und Organisten.

Dann wieder gab es Anläufe, die zerstörte Kirche aufzubauen, und zwar so, dass man auf die Räume im Turm gar nicht mehr angewiesen sein würde. Pfarrer Georg Cordier entwickelte die Idee, in das Kirchenschiff einen Zwischenboden einzuziehen und dadurch Räumlichkeiten auf zwei Etagen zu gewinnen. Doch wieder scheiterte alles am Geld. Zugleich gab es Zweifel am Sinn des Aufbaus: Clemens de Maizière, Jurist der Gemeinde, informierte die Westberliner Kirchenleitung, dass „eine Ausnutzung des Kirchenschiffs wegen der gering gewordenen Mitgliederzahl nicht möglich sein wird. Es ist dem Magistrat anheim gegeben worden, das Kirchenschiff für einen seriösen Zweck, z. B. Kammermusiksaal oder Museum zu nutzen.“

In den Siebzigerjahren wurde die Rolle des Staates als Herr des Turms wieder sehr deutlich: Im Februar 1971 erklärte Paul Verner, Sekretär des Politbüros der SED, dass der Platz der Akademie einer der schönsten und repräsentativsten Plätze Berlins sei und erhalten werden müsse. Vor diesem Hintergrund sorgte er dafür, dass die „erforderlichen Mittel und die erforderliche Baukapazität rasch und unbürokratisch zur Verfügung gestellt würden“, um Schimmelbefall im Turm zu beseitigen. Bald darauf begannen Renovierungsarbeiten, die drei Jahre dauern sollten. Doch der Turm blieb eine Ruine, ein Torso ohne Kuppel.

Dass die DDR wenige Jahre später ausgerechnet die Kirche als Erstes auf dem Platz wiederaufbauen ließ, lag am chronischen Devisenmangel. Der Turm, der seit den Tagen Friedrichs II. Eigentum des Staates war, wurde zurückgestellt. Das Kirchenschiff aber gehörte der Gemeinde und konnte zum Devisenbringer gemacht werden. Im Mai 1973 stimmten die Hugenotten dem Wiederaufbau zu gesamtkirchlichen Zwecken zu, wobei sich die Gemeinde das Eigentum an der Kirche vorbehielt. Besorgt fragt sie allerdings, was passieren könnte, wenn die vorgesehenen zwei Millionen Mark nicht ausreichen sollten. Eigene Fachleute schätzten die Kosten damals auf drei bis 3,5 Millionen. Dabei sollte es nicht bleiben. Für das Objekt 26 wurde am Ende erstmals eine Pauschalsumme vereinbart: 6,5 Millionen – eine für damalige Verhältnisse immense Summe. In einem Schreiben an Stolpe wurde die Frage aufgeworfen, „wieviel andere, größere Projekte für diesen Preis fertiggestellt werden könnten“. Zugleich entstand der Verdacht, dass „der Preis für die Französische Kirche vielleicht ein politischer Preis sein könnte“.

Den Bau überwachte das Kirchliche Bauamt der Evangelischen Kirche, mit der die Gemeinde einen Nutzungsvertrag über 30 Jahre abgeschlossen hatte. Die Gemeinde war eng in die Planungen eingebunden, meldete Raumbedarf und Ausstattungsansprüche an oder erhob Einspruch gegen Details: „Der Einbau einer Großküche wird wegen der Belästigung der Gerüche und Feuchtigkeit abgelehnt. Keine Bedenken bestehen gegen den Einbau einer Teeküche.“

Die Denkmalpflege der DDR lehnte die von den Hugenotten vorgeschlagene Zwischendecke ab und verlangte die Wiederherstellung in den Formen des Umbaus von 1905 durch Otto March. Der schlichte Baustil von 1705 war damals durch den kaiserlichen Zeitgeist überformt worden. Das Kirchenbauamt hielt dagegen: „Dieser Umbau fiel mit allen Details dem Bombenterror zum Opfer, so daß die Gestaltung des Innenraums als verloren zu betrachten ist.“ Der Streit schwelte eine Weile vor sich hin. Die Kirche bestand auf ihrem Raumprogramm, die Denkmalpflege verständigte sich unterdessen bereits mit Magistrat, „Partei der Arbeiterklasse bis hin zu den Organen des Ministerrates“ darauf, die Pläne der Kaiserzeit zur Grundlage zu machen.

Es kam zu einem Kompromiss: Der Vorschlag Cordiers, den Wiederaufbau in zwei Etagen mit diversen Nebenräumen vorzunehmen, fand Eingang in die Planung, die Formensprache aber orientierte sich an dem Jahr 1905. Es entstand eine Unterkirche, das Kirchenschiff wurde über eine Zwischendecke höher gelegt. Außen kam stilgerecht eine Freitreppe hinzu.

1975 schlug die Staatsseite überraschend vor, den Turm der Kirche zu übertragen, dafür aber in einer Art Ringtausch den Kirchsaal des gegenüberliegenden Deutschen Doms für kulturelle Zwecke in Staatseigentum zu überführen. Doch die Kirchenleitung stellte fest, „daß eine Eigentumsübernahme des Französischen Domes (Turm) nicht in Betracht kommt“. Der Deutsche Dom hingegen wurde vollständig vom Staat übernommen: Die DDR plante eine Kunsthalle, später übernahm der Deutsche Bundestag das Haus für eine Ausstellung über Parlamentsgeschichte.

In den Gesprächen zwischen den Kirchenvertretern aus dem Westen und der Staatsmacht im Osten ging es oft um Themen, die weit weniger symbolisch aufgeladen waren als alles, was sich rings um den Gendarmenmarkt abspielte, etwa um Medikamente oder die Bestellung von acht Volvo 244 DL als Dienstwagen für Kirchenobere. Dann aber stand wieder ein Großprojekt auf der Tagesordnung, dem die Kirche im Osten eher skeptisch gegenüberstand: die Rekonstruktion des Berliner Doms, der Ruine gleich neben dem Palast der Republik. Auch dieser Dom war der DDR-Führung wichtig. Der Kirche im Osten war das Gebäude eher zu groß. Und viel zu teuer war es auch. Doch der Westen zahlte. Walter Hammer, als Präsident der EKD-Kirchenkanzlei einer der besten Kenner der Materie, erläuterte rückblickend: „Tatsache ist, dass die Rekonstruktion des Berliner Doms zur ,Lokomotive‘ des Zuges der dringend erforderlichen Sonderbauprogramme wurde und als ,Kröte‘ von uns geschluckt werden musste, denn für Verkündigung und Dienst der Kirche standen nun wirklich wichtigere Objekte auf unserer Wunschliste als ausgerechnet die Ruine des Berliner Doms! Aber ohne die ,Kröte‘ hätte es kein Sonderbauprogramm gegeben.“

Ein anderes, höchst brisantes Thema war die Abgabe von Kirchengebäuden. Stolpe übergab der Diakonie im September 1976 eine inoffizielle Liste von Kirchen, die an den Staat abgetreten oder zum Abriss freigegeben werden sollten. Geißel zog die Notbremse: Laut Protokoll „bestand Einigkeit darüber, dass es auf jeden Fall unmöglich sein wird, jemals den Abriß von Kirchen über Valutamark vorzunehmen“.

1976 erging die „Direktive des IX. Parteitages der SED“, in der als Ziele der Partei auch der Bau beziehungsweise der Wiederaufbau von Semperoper (Dresden), Gewandhaus (Leipzig) und Schauspielhaus (Berlin) genannt wurden. Das „Neue Deutschland“ jubelte: „Begeisternde Ziele für die weitere Entwicklung der Hauptstadt der DDR“. Zwei Jahre später konnte Stolpe im Gespräch mit der DDR-Nachrichtenagentur ADN auf fertiggestellte Projekte von Jena bis Rostock verweisen – und auf die am Mittwoch vor Weihnachten 1978 gesetzte Richtkrone auf der Französischen Friedrichstadtkirche.

Unterdessen plante die Staatsseite, aus dem Turm – längst Zentrum der Gemeinde mit Kirchsaal, Verwaltung, Archiv, Bibliothek und Museum – ein ganztägig öffentlich erlebbares Architekturdenkmal zu machen. Das Museum sollte sich in Form einer auch als Treppe zu nutzenden Ausstellungsspirale hoch in den Turm ziehen, „so dass beim Ersteigen zu den räumlichen Erlebnissen das Bildungserlebnis hinzutritt“. Die Planung sah eine Weinstube im vierten Stock vor, ferner ein Glockenspiel sowie schlagende Uhren, um „eine weitere Wirkung“ zu erreichen.

Um 6:33 Uhr in der Früh hob am 26. August 1982 ein Spezialkran die vorproduzierte, 40 Tonnen schwere Kuppel auf den Turm, bald darauf die neu gefertigte „triumphierende Religion“, eine einst nach einem Entwurf von Daniel Chodowiecki geschaffene, golden leuchtende Skulptur.

Doch dann wurde der DDR-Kulturetat gekürzt, der Innenausbau des Französischen Doms und des Schauspielhauses sollte verschoben werden. Die Kirche – komplett finanziert aus dem Westen – war von den Einsparungen nicht betroffen. Am 17. April 1983 wurde sie eingeweiht. Die Presseresonanz im Westen war größer als im Osten, aber registriert wurde das Ereignis auch im „Neuen Deutschland“ und mit einem 74 Sekunden langen Beitrag in der „Aktuellen Kamera“. Zwei Jahre später konnte die neue Orgel in Betrieb genommen werden, gebaut von der Firma Eule in Bautzen.

Genutzt wurde die Kirche nun auch von der benachbarten Friedrichswerderschen Gemeinde. Die Evangelische Studentengemeinde traf sich regelmäßig. Heinrich Fink, Theologieprofessor an der Humboldt-Universität, ließ im Oktober 1985 Ernesto Cardenal über die „Volkskirche“ in Nicaragua sprechen und diskutierte im November 1988 über Pogrom und Genozid im Nationalsozialismus.

Als 1987 der Turm fertiggestellt wurde, gehörte erstmals auch ein Carillon, ein Glockenspiel, zur Ausstattung, gegossen in Apolda und Pößneck. Täglich von zehn bis 18 Uhr erklingen die Glocken heute, stündlich mit einer anderen Melodie, monatlich mit einem anderen Repertoire.

Zuvor, am 1. Oktober 1984, war in unmittelbarer Nachbarschaft nun auch das Schauspielhaus eröffnet worden – ein Neubau in historischen Außenmauern. Da das Gebäude als Konzerthaus dienen sollte, war die Gestaltung der Innenräume auf eine komplette Neuschöpfung im Stile Schinkels hinausgelaufen. Federführend war der Architekt Manfred Prasser, der auch am Bau des Hotels an der Süd-, der CDU-(heute EKD-)Zentrale an der West- sowie an den von nicht wenigen Prominenten bewohnten Häusern an der Ostseite des Platzes beteiligt war. Theaterintendant Thomas Langhoff lebte dort, Günter Wendland, Generalstaatsanwalt der DDR, Tamara Danz von der Band Silly und DDR-Startenor Peter Schreier, der sich auch für den Aufbau des Schauspielhauses engagiert hatte.

Manfred Stolpe zog im November 1988 vor geladenen Gästen in der Friedrichstadtkirche eine Zwischenbilanz von „15 Jahren Sonderbauprogramm“. In der kaum bekannten Rede sprach er nicht nur über neue Gemeindezentren oder restaurierte Kirchen. Er dankte auch seinem Kontaktmann aus dem Ministerium für Außenhandel, Manfred Seidel: „Ohne Seidels kundige, entschlossene und verlässliche Hilfsbereitschaft wäre das Sonderbauprogramm nicht geworden. Es darf hinzugefügt werden, dass Manfred Seidel allerdings hohe und höchste Chefs hatte und hat, die zu ihm standen, auch wenn er manchmal ohne Netz arbeiten musste.“ Hohe und höchste Chefs – das waren Schalck, der Stasi-Chef Erich Mielke und dem ZK-Sekretär für Wirtschaft, Günter Mittag, unterstand, und natürlich Parteichef Erich Honecker selbst.

Stolpe markierte zugleich die Rolle der Kirche, wie er sie sah: „Die evangelischen Kirchen sind nicht Kirchen gegen den Sozialismus, sondern Kirchen für die Menschen in der sozialistischen Gesellschaft.“ Die Kirche dürfe nicht zum ständigen Gesellschaftskritiker werden und wie eine Ersatzopposition wirken. Und Stolpe war auch gewiss, „dass eine staatliche Vereinigung der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland nicht stattfinden wird“.

Zwölf Monate später sprach Stolpe abermals in der Friedrichstadtkirche. Es war der 9. November 1989. Eigentlich hatte es eine Diskussion innerhalb der Ost-CDU werden sollen über den Reformkurs in der eigenen Partei, doch im letzten Moment wurden alle eingeladen: SED, Blockparteien, Kirchen und führende Mitglieder der neuen Oppositionsgruppen: Lothar de Maizière, Rainer Eppelmann, Christine Lieberknecht, Konrad Weiß und Thomas Krüger. Keiner wusste, dass nur wenige Minuten zuvor Günter Schabowski die Öffnung der Mauer angekündigt hatte („unverzüglich, sofort“). So wurde es ein offenes Gespräch über eine bessere DDR, ein sozialistisches Land, aber ohne den Führungsanspruch der SED.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Bund fast 32.000 Personen für 3,4 Milliarden DM aus der DDR freigekauft. Das Diakonische Werk in Stuttgart hatte diese „Kirchengeschäfte B“ abgewickelt, parallel zu den „Kirchengeschäften A“, die den Transfer in die Gemeinden umfassten und das Sonderbauprogramm. Erst auf der gesamtdeutschen Synode 1991 in Coburg werden diese Hilfen, die – so der damalige Ratsvorsitzende Bischof Martin Kruse – „vorher verborgen bleiben mussten“, öffentlich gemacht. In seinen Memoiren hat Ludwig Geißel, der langjährige Chefunterhändler der Diakonie, das Volumen der Kirchengeschäfte A mit 2,2 Milliarden DM beziffert.

Das „Objekt 26“, die Französische Friedrichstadtkirche, ist das älteste Gebäude auf dem Gendarmenmarkt – und das einzige, das seine ursprüngliche Funktion bewahrt hat.

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Der Verfasser ist Publizist und Politologe.

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