Berlin hat den Neubau der Mühlendammbrücke ausgeschrieben. Die Zeit drängt: Wegen der Einsturzgefahr wird der Auftrag in einem „beschleunigten Verfahren“ vergeben.
Tagesspiegel vom 02.12.2025
Seit sieben Jahren steht fest, dass die Mühlendammbrücke im Berliner Bezirk Mitte abgerissen werden muss. Sie ist so konstruiert wie die Dresdner Carolabrücke, die 2024 einstürzte. Seit vier Jahren steht auch fest, wie der Neubau aussehen wird – den Wettbewerb gewann 2021 ein dänisches Architekturbüro. Mehrere Änderungen der Pläne verzögerten das Projekt.
Jetzt macht die Verwaltung von CDU-Verkehrssenatorin Ute Bonde Tempo. Der Auftrag zum Abriss und Neubau wurde vor wenigen Tagen ausgeschrieben, Firmen können sich bis 19. Dezember bewerben. Der Senat wendet ein sogenanntes „beschleunigtes Verfahren“ an. Die Begründung lässt aufhorchen: „Für das Teilbauwerk 2 der Mühlendammbrücke besteht fortlaufend die latente Gefahr von Spannstahlbrüchen, was eine sofortige Sperrung und entsprechende Notmaßnahmen nach sich ziehen würde. Aus diesem Grund ist ein kurzfristiger Baubeginn und ein beschleunigtes Vergabeverfahren für die Bauleistungen dringend erforderlich.“
So steht es in den Unterlagen, die dem Tagesspiegel vorliegen. Der Straßenzug aus Mühlendamm, Grunerstraße und Leipziger Straße wird täglich von 73.000 Autos befahren, er verbindet Alexanderplatz und Potsdamer Platz. Eine Vollsperrung wäre eine Katastrophe für den Verkehr in Mitte.
Es besteht eine latente Gefahr von Spannstahlbrüchen, was eine sofortige Sperrung nach sich ziehen würde.
Aus der Ausschreibung der Verkehrsverwaltung
Eine Brückenhälfte, das „Teilbauwerk 2“, ist bereits abgerissen. Beide Fahrtrichtungen werden über die verbliebene Hälfte geführt. Als Bauzeit gibt die Ausschreibung „1025 Werktage“ vor, also etwa drei Jahre und drei Monate. Der Baubeginn soll bereits „zwölf Werktage nach Erteilung des Zuschlags“ starten. Die Arbeitszeiten sind vorgeschrieben: Montag bis Sonnabend 6 bis 22 Uhr. An 14 Tagen darf auch nachts oder sonntags gearbeitet werden, geplant ist dies beim Abriss der verbleibenden Hälfte.
Die Mühlendammbrücke wurde im Jahr 1968 in Spannbetonbauweise erstellt, und zwar mit „Hennigsdorfer Spannstahl“. Dieser ist stark durch Spannungsrisskorrosion gefährdet: Reißt einer der im Innern gespannten Stahldrähte, kann die Brücke einstürzen. Eine Reparatur ist unmöglich. Deshalb musste vor Jahren die im selben Jahr eröffnete Elsenbrücke notgesperrt und abgerissen werden. Die Carolabrücke in Dresden stürzte im September 2024 ohne Vorwarnung nachts ein.
Der Zustand der Mühlendammbrücke hat sich in den letzten sieben Jahren deutlich verschlechtert. Die Rede ist von einer „fortschreitenden Schädigung“. Der Schwerlastverkehr wurde reduziert, die Parkplätze sind entfallen. Ob und wie lange die Brücke durchhält, ist offen: „Es ist auch trotz Nachrechnung und Lasteinschränkung möglich, dass sich der statisch-konstruktive Zustand der Brücke noch weiter verschlechtert“, heißt es in den Unterlagen.
Als Erstes steht der Neubau anstelle der abgerissenen Brücke an. Wenn die fertig ist, soll die andere Hälfte abgerissen werden. Im dritten Schritt soll dann direkt anschließend der Neubau der zweiten Hälfte beginnen. Der Auftrag ist groß: Etwa 2400 Kubikmeter Beton müssen noch abgerissen werden.
Für den Neubau sind 5000 Kubikmeter Beton nötig. Denn die vom Kopenhagener Büro Cobe entworfene neue Brücke ist fast so breit und voluminös wie das autobahnähnliche Ungetüm aus DDR-Zeiten. Der Entwurf hatte heftige Kritik ausgelöst. Ein Bündnis aus Bürgerforum, Umweltverband BUND, Changing Cities, dem Architekten- und Ingenieurverein Berlin-Brandenburg und der Interessengemeinschaft Leipziger Straße kündigte eine Klage an.
Die damals noch von den Grünen geführte Verkehrsverwaltung reagierte ein wenig und reduzierte die Breite von 41 auf 36 Meter. Die CDU machte die Brücke wieder breiter, nun werden 38,3 Meter genannt.
Der DDR-Bau maß 45,2 Meter. Statt drei Autospuren gibt es künftig nur noch zwei pro Richtung. Eigentlich sollte mal die Straßenbahn vom Alex zum Potsdamer Platz verlängert werden, für die Gleise sollte eine der beiden Autospuren entfallen. Das hatten sich die Grünen ausgedacht, es sollte ein Symbol der Verkehrswende sein.
Die Trampläne über die Leipziger Straße hatte die mittlerweile CDU-geführte Verkehrsverwaltung wie viele andere auch 2024 beerdigt. In den Ausschreibungsunterlagen heißt es nun folgerichtig: „Es werden keine Installationen und Anschlüsse im Zusammenhang mit dem Betrieb und den Anlagen der Straßenbahn berücksichtigt.“ Eine wenige Tage alte Broschüre aus dem Hause Bonde zeigt dennoch Straßenbahnen auf der Brücke – und zwei Autospuren.
