Mit Wanderschuhen zu Berlins Friedhöfen: Entdecke verborgene Oasen, faszinierende Geschichten und überraschende Begegnungen mit der Vergangenheit
Morgenpost vom 22.11.2025 von Jörg Krauthöfer
Berlin ist eine Stadt der Gegensätze, geprägt von Geschichte, Wandel und Moderne. Doch besonders in der hektischen Innenstadt gibt es stille und unscheinbare Orte, die eine ganz besondere Atmosphäre bieten: die historischen Friedhöfe. Sie sind nicht nur Ruhestätten, sondern auch grüne Oasen, in denen die Zeit stehengeblieben scheint.
Der Totensonntag, ein Tag des stillen Gedenkens, bietet eine gute Gelegenheit, diese geschichtsträchtigen Orte zwischen Gesundbrunnen, Europacity und Prenzlauer Berg einmal anders zu entdecken – nämlich mit Wanderschuhen und Wanderstöcken. Unser Redakteur und Wanderexperte Jörg Krauthöfer nimmt euch mit zu prachtvollen Grabstätten, verwunschenen Wege und zu spannenden Geschichten über die Menschen.
Berlins Friedhöfe als Sehenswürdigkeiten und Geschichtenorte
Karte der Wanderung durch Gesundbrunnen, Mitte und Prenzlauer Berg vorbei an verschiedenen Friedhöfen und Geschichtenorten - Hauptstadtwanderer
© OpenStreetMap contributors
Infos zum Weg
• Start: S-Bahnhof Humboldthain
• Ziel: Jüdischer Friedhof Schönhauser Allee
• Distanz: 8,19 Kilometer
• Wegbeschaffenheit: Asphalt
• Höhenmeter: 30 m ⬆️ 20 m ⬇️
• Leichte Wanderung
Historische Eisenbahn-Route führt zu Berlins Friedhof der Zirkusdirektoren
Wir starten die Tour am S-Bahnhof Humboldthain im Stadtteil Gesundbrunnen. Die Haltestelle liegt unterhalb des größten Bunkers der Stadt Berlin und hat ihren Namen vom nahegelegenen Volkspark erhalten. Der Weg führt zuerst nordwestlich, links in die Hochstraße, weiter stadteinwärts bis zur Kreuzung Gerichtstraße und dort links rein bis zum Kreisverkehr an den Liesenbrücken. Einst fuhren über dieses beeindruckende Zeugnis Berliner Eisenbahngeschichte die Dampfzüge Richtung Stettin und weiter in den Osten. Heute nagt der Zahn der Zeit an den rostigen Geländern.
Wir folgen nach rechts dem Berliner Mauerweg und kommen zum Haupteingang des Dorotheenstädtischen Friedhofs II. Der wird im Volksmund auch gerne als Friedhof der Zirkusdirektoren bezeichnet. Die historischen Grabstätten der Zirkusgiganten Paul Busch, Ernst Jacob Renz und Albert Schumann können besucht werden. Schumann leitete unter anderem das Große Schauspielhaus, welches später im Zweiten Weltkrieg alliierten Bomben zum Opfer fiel und später als Friedrichstadtpalast wieder aufgebaut wurde.
Das Ehrengrab des Komponisten und Dirigenten Otto Nicolai auf dem Dorotheenstädtischen Friedhofs II zählt zu den Ehrengräbern der Stadt Berlin, ebenso wie das des Komponisten und Dirigenten Otto Nicolai. Der wurde als Begründer der Wiener Philharmoniker und später als Kapellmeister an der Königlichen Oper und als Dirigent des Berliner Domchors weltbekannt. Der Künstler komponierte mit der Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ sein wohl bekanntestes Werk, verstarb aber wenige Zeit nach der Uraufführung mit nur 38 Jahren an einer Hirnblutung.
Von Hoteldirektoren und Wanderdichtern
Auf der anderen Straßenseite wartet mit dem Alten Domfriedhof der St.-Hedwigs-Gemeinde der älteste katholische Friedhof der Stadt Berlin auf uns. Es geht vorbei an zwei Engeln und einer runden Backsteinkapelle hinein in eine Efeu-überwucherte Anlage. Der berühmte Hotelier Lorenz Adlon liegt hier begraben, auch James Cloppenburg, der das gleichnamige Modeimperium gegründet hatte, fand hier seine letzte Ruhestätte. Ein weißer Engel erinnert an Peter Dussmann, Gründer der Dussmann Gruppe und des Kulturkaufhauses an der Friedrichstraße.
Auf dem Friedhof II. der Französischen Gemeinde Berlins wird an den Dichter Theodor Fontane und seine Ehefrau erinnert. Nur eine Gräberreihe trennt den katholischen Friedhof vom Friedhof II. der Französischen Gemeinde Berlins. Dort, in der Mitte, ein wenig verloren wirkend, befindet sich die letzte Ruhestätte von Theodor und Emilie Fontane. Eine Gedenkstätte in der ehemaligen Friedhofskapelle würdigt sein Leben und Wirken. Das Grab der beiden Fontanes kann man nicht verfehlen. Die beeindruckende Büste des Stenografen Leopold A.F. Arends markiert den Weg zur Grabstätte.
Invalidenfriedhof erinnert an berühmte Offiziere und den Roten Baron
Unser Weg führt uns weiter zur Chausseestraße. Dort biegen wir links in Richtung Ida-von-Arnim-Straße ab, laufen diese bis zum Ende und wenden uns in der Scharnhorststraße ebenfalls nach links. Das nächste Ziel liegt wenige Fußmeter weiter auf der rechten Seite. Der Invalidenfriedhof gilt als der bedeutendste Begräbnisort für namhafte und verdienstvolle Offiziere des Preußischen Reiches. Gerhard Johann David Scharnhorst, Heeresreformer und Befreiungskämpfer, liegt hier in einem von Baumeister Karl Friedrich Schinkel errichteten Monument begraben.
Auch Manfred von Richthofen, bekannt als Roter Baron, fand hier seine letzte Ruhestätte, ebenso Friedrich Wilhelm von Rohdich, ehemaliger Staatsminister und Gründer des Rohdich‘schen Legatenfonds, der auch heute noch Soldaten und zivile Mitarbeiter der Bundeswehr unterstützt, die unfreiwillig in eine Notlage geraten sind.
Dorotheenstädtischer Friedhof: Prominente letzte Ruhestätten entdecken
Über die Scharnhorststraße, später die Invalidenstraße, gelangen wir zur Chausseestraße und zum wohl berühmtesten Friedhof der Stadt. Der Dorotheenstädtische Friedhof gilt auch als Friedhof der Promis. Heiner Müller und Anna Seghers sind hier bestattet, ebenso Bertolt Brecht und Helene Weigel. Otto Sanders weißer Grabstein kann ebenso besucht werden wie die Ruhestätte der Schriftstellerin Christa Wolf und Arnold Zweig und das Grab von Johannes R. Becher, dem ersten Kulturminister der DDR.
Mausoleum der Wollanks erzählt von Berlins Fabrikantendynastie
Nächster Stopp auf unserer Wanderung ist ein Friedhofs-Ensemble an der Ackerstraße in Mitte. An der Gedenkstätte Bernauer Straße biegt der Weg nach rechts in Richtung Stadtzentrum ab und wir wandern ein paar Meter weiter links durch ein großes und schweres Eisentor in den St. Elisabeth Kirchhof. Ehrengräber der Stadt Berlin sucht man hier vergebens, dennoch erzählen die verwunschenen Grabanlagen die eine oder andere interessante Geschichte.
Das imposante Mausoleum im Stil der italienischen Neorenaissance der Berliner Fabrikantendynastie Wollank zum Beispiel kann man kaum übersehen. Die mächtigen Sandsteinplatten an der alten Friedhofsmauer beeindrucken. Die Wollanks, nach denen auch eine Straße in Pankow samt S-Bahnhof benannt wurden, waren Berliner Gutsbesitzer mit zahlreichen Ländereien, darunter auch die Weinberge im heutigen Volkspark am Weinbergsweg und das berühmte Märchenschloss Dammsmühle im Barnim.
Dramatische Liebe endet tragisch auf dem Sophien-Friedhof
Auf der anderen Seite der Ackerstraße befindet sich der Friedhof II. der Sophien Gemeinde, einst Ort einer dramatischen Liebesstory. Die Geschichte von Charlotte und Heinrich Wilhelm Stieglitz ist düster und romantisch zugleich. Im 19. Jahrhundert waren sie ein bekanntes Liebespaar, doch ihr Glück fand ein jähes und tragisches Ende. Der Schriftsteller und Lyriker litt unter einer Schreibblockade. Charlotte, seine Frau, fühlte sich dafür verantwortlich und fasste einen Entschluss: In einem Akt der Verzweiflung und Liebe erdolchte sie sich, um ihren Mann wieder zum Schreiben zu inspirieren.
Diese Geschichte schlug hohe Wellen und wurde in Gedichten und Zeitungsartikeln immer weitergetragen. Romantiker pilgerten damals oft zu den Grabstätten auf dem alten Friedhof, um der Liebenden zu gedenken. Das Grab der Stieglitz allerdings gibt es nicht mehr. Geblieben sind nur die Überlieferungen.
Auch das Grab von Lucie Berlin existiert nicht mehr, doch ihre Geschichte ist bis heute Gesprächsthema in der Stadt. Im Juni 1904 verschwand die achtjährige Lucie spurlos im Armenviertel Gesundbrunnen. Wenige Tage später tauchten ihre Überreste in der Spree auf. Die Suche nach dem Täter führte tief in die düstere Welt der Berliner Halbwelt – und endete mit einer wissenschaftlichen Sensation: Zum ersten Mal in der Kriminalgeschichte wurde ein Mörder durch eine Blutprobe überführt.
Verwunschene Friedhöfe: Berlins Geschichte zwischen Natur und Stadt
Über die Invalidenstraße und die Brunnenstraße gelangen wir zum Rosenthaler Platz, von wo aus nach rechts die Linienstraße abzweigt. Eine alte Mauer umrahmt den alten Berliner Garnisonsfriedhof, auf dem größtenteils Persönlichkeiten aus der preußischen Militärgeschichte ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Große, pompöse steinerne Grabstätten sucht man hier vergebens. Auffällig sind die vielen gusseisernen Kreuze, etwa 20 an der Zahl. Von den einst knapp 460 Grabstellen sind bis heute nur 180 erhalten geblieben.
St. Marien- und St. Nikolai-Friedhof: Natur erobert vergessene Gräber zurück
Über die Linienstraße führt der Wanderweg weiter zur Kreuzung Karl-Liebknecht-Straße Ecke Prenzlauer Allee. Direkt gegenüber vom Soho House, einer angesagten Event- und Hotellocation, liegt einer der verwunschensten Friedhöfe der Hauptstadt, der St. Nikolai- und St. Marien-Friedhof I. Wer sich in dieser, teils sehr üppigen Vegetation verliert, wähnt sich weit weg von jeglichem Großstadtflair. 25 Jahre, von 1970 bis 1995, fanden hier keine Beerdigungen statt, mit der Folge, dass sich die Natur einen Großteil der Anlage wiedereroberte, was in manchen Teilen des Friedhofes bis heute noch erhalten wurde. Sehenswert ist vor allem das Relief „Lebensalter“ des Berliner Künstlers Ernst Wenck, welches sich über dem Portal am Haupteingang befindet. Es soll den Weg des Menschen von der Geburt bis zum Tod darstellen.
Bis zum letzten Punkt unserer Wanderung ist es nicht mehr weit. Wir laufen an der Friedhofsmauer stadtauswärts bis zur nächsten Kreuzung und biegen dort nach rechts in die Saarbrückener Straße ab. An deren Ende stoßen wir auf die Schönhauser Allee und folgen dieser nach Norden bis zum Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee. Männer tragen hier eine Kopfbedeckung. Seit den 1970er Jahren steht die Anlage unter Denkmalschutz. In einem sogenannten Lapidarium, einem Ort der Bewahrung, sind Steine aufbewahrt, die Gräbern nicht mehr zugeordnet werden konnten.
Eine Gedenktafel erinnert an Kriegsgegner und Deserteure, die sich Ende des Zweiten Weltkriegs hier auf dem Friedhof vor der herannahenden Front versteckten, von der SS aber entdeckt und hingerichtet wurden. Unter anderem liegt hier an der Schönhauser Allee der Geschäftsmann Salomon Haberland, Begründer des Bayrischen Viertels, begraben, ebenso der Maler Max Liebermann und der Berliner Bankier Oscar Rothschild.
Hier am Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee endet unsere Wanderung durch die historischen Friedhöfe von Berlin.
