Von Marzahn bis Marienfelde lassen sich überall die Spuren ländlicher Gemeinden entdecken. Das führt oft zu bizarren Parallelwelten
Morgenpost vom 11.10.2025 von Ulli Kulke

„Berlin ist doch auch nur ein Dorf.“ Oft genug müssen wir Hauptstädter diese Floskel hören – oder machen sie uns sogar selbst zu eigen – im Scherz, versteht sich. Ganz falsch ist sie ja nicht. In Schleswig-Holstein zum Beispiel gibt es ein Dörfchen mit diesem Namen, mit nur 600 Einwohnern. Klein, aber sexy. Da es bereits seit 1215 mit dem Namen Berlin in den Chroniken verzeichnet ist, hat es – als ältestes Berlin der Welt – 22 Jahre mehr auf dem Buckel als die deutsche Hauptstadt (1237). Und mit der treibt man dort vergnügt seine Spielchen, nennt seine kleinen Hauptsträßchen Unter den Linden, Uhland- und Potsdamer Straße, amtlich und postalisch ganz offiziell. Am Alexanderplatz gackern dort die Hühner. Selbst ein KaDeWe gibt es, als kleinen Gemischtwarenladen. Auch der dortige Kurfürstendamm konnte indes nicht verhindern, dass die letzte Kneipe in ganz Berlin vor Jahren geschlossen hat.

Doch so weit muss kein „richtiger“ Berliner fahren, um in Berlin dörfliche Gefühle zu erleben. Es ist zwar nur eine statistische Größe, wenn wir lesen, dass bei der Bildung von Groß-Berlin 1920 neben sieben selbstständigen Städten, 27 Gutsgemeinden eben auch 59 Landgemeinden – sprich: Dörfer – in der Metropole aufgingen. Doch die alten Dorfkerne sind meist noch präsent, erkennbar mit ihren schmucken anderthalbstöckigen Angerdorfhäusern, mit Kopfsteinpflaster, auch mal ein Dorfteich oder eine Feldsteinkirche wie die in Marienfelde aus dem Jahr 1220. Und: 40 Familienbetriebe mit circa 1900 Hektar Land gehen in der Bundeshauptstadt noch Ackerbau und Viehzucht nach, nicht aus musealer Tradition, sondern zur Erzielung von Einkommen.

Mit Sightseeing-Bussen nach Lübars zum Radieschenkaufen

Wohl keine Stadt in Europa hat auf ihrem Gebiet so viele uralte Dorfkerne wie Berlin. Kenntlich typischerweise an Straßen in Angerform; mit Namen, die mit „Alt-“ beginnen, wie zum Beispiel Alt-Reinickendorf. Als immer noch charmante einstige Keimzellen heutiger Großstädte, die manche Bezirke schließlich darstellen. Bisweilen mit ihrem Geburtsnamen wie bei Alt-Lietzow, wie Charlottenburg früher hieß. Bizarr wirkt dies, wenn sich inmitten der 18-Stöcker des größten Plattengebirges dann mit Alt-Marzahn unversehens eine Parallelwelt darbietet aus Pflasterstraßen, Dorfkirche und Backsteinhäusern um den sich öffnenden Anger, die Liegenschaften immer noch so sortiert wie bei der Dorfgründung vor 800 Jahren.

Als die Kräne in den 1970er-Jahren heranrollten, standen auf den Weiden ringsum noch die Milchkühe einer LPG. „Wir mussten aufpassen, dass sie nicht in die Baugruben rannten“, erinnerte sich dort ein älterer Herr. Oder wenn mitten im Zentrum des so umtriebigen Neukölln in der alten Schmiede auf dem Dorfplatz noch in unseren Tagen der Hammer geschwungen wird und draußen eine betagte Frau erzählt, wie sie nach dem Krieg dort Verstecken gespielt haben, „weil die Gassen und Höfe so schön verwinkelt waren“.

Es stimmt ja, was die Dörfer etwas weiter draußen angeht, so verliert sich heutzutage, da tausend Wege in alle Himmelsrichtungen aus der Stadt hinausführen und oft genug die Grenze ins Brandenburgische gar nicht mehr wahrgenommen wird, das Besondere dieser immer noch innerstädtischen Nester. Macht doch Berlin an vielen seiner Ränder sowieso schon einen recht ländlichen Eindruck, besonders im Norden und Osten. Doch genau das war zu Mauerzeiten noch anders – und jedenfalls für Außenstehende so auch nicht ohne weiteres bekannt.

West-Berlin, das galt für die damaligen West-Deutschen als Teil einer einstigen Viermillionen-Metropole mit durchgehender Urbanität: Kudamm, Funkturm, Avus, Rathaus Schöneberg, vielleicht noch Tiergarten, Grunewald und Wannsee, ansonsten Straßenschluchten, umgeben von Mauer und Stacheldraht. Onkel Otto und Tante Gertrud aus der Lüneburger Heide oder dem Schwarzwald wunderten sich manchmal, dass „ihr da in Berlin auch noch Platz habt für drei ausgewachsene Flughäfen“. Und so hatten viele Stadtrundfahrts-Busse Berlins Paradedorf im Programm. Zum großen Erstaunen aller Auswärtigen hielten sie dann plötzlich in einem so typisch märkischen Dorf: Lübars, im eingeschlossenen West-Berlin, nur einen Kilometer hinter dem Märkischen Viertel. Und die „Wessis“ durften dort beim Bauern Qualitz Radieschen als Souvenir einkaufen. Seinen bäuerlichen Eindruck konnte Lübars bis heute bewahren, doch hinter den Scheunentoren hat sich das Dorf längst zu Berlins vornehmer Hochburg der Pferdehöfe entwickelt. Auch einen Mord in der Reiterszene hat es dort bereits gegeben.

Lübars wurde früh gegründet, 1230. Wie wohl überhaupt fast alles, was es im Stadtgebiet an Dörfern von Altglienicke bis Zehlendorf gibt, älter ist als jener Doppelort Cölln und Berlin, die Keimzelle der Bundeshauptstadt selbst rund um das heutige Schloss, wo die legendäre „Streusandbüchse“ des Heiligen Römischen Reiches wohl noch am längsten herrschte. Die frühen Gründungen auf dem heutigen Stadtgebiet waren Teil der „Ostsiedlung“ der Germanen, die rund um die vorige Jahrtausendwende stattfand und zwischen Elbe und Oder auf die vorher dort weitgehend sesshaften Slawen stieß; im Zuge der Askanier unter „Albrecht dem Bären“. Als der Slawenfürst Jazco – der Legende nach – schwimmend über die Havel geflüchtet war, anschließend auf einer Landzunge sein Schild und sein Horn an eine Astgabel hing, nahm die Gründung der Angerdörfer im Herzen der Mark ihren Lauf.

Spuren sind noch von beiden auszumachen, von den ursprünglichen Siedlungen der Slawen und der Germanen. Nach den ersten Begegnungen nach jenem ersten „Millennium“ mündeten die Begegnungen der Völker später in eine mehr oder weniger friedliche Koexistenz. Eher seltene Hinterlassenschaften von Haufendörfern deuten auf slawischen, die Angerdörfer auf germanischen Ursprung hin. Heute noch bestehende hochherrschaftliche Gutshäuser in der Stadt zeigen, dass in den Dörfern nicht nur arme Kossäten wohnten, sondern es dort auch adelig zuging. Etwa in Steglitz, wo aus dem alten Gutshaus das Schloss für den Kabinettsrat Carl Friedrich von Beyme und später das Schlossparktheater von Didi Hallervorden hervorging. Auch die Schlösser in Britz oder in Friedrichsfelde, mitten im Tierpark liegend, zeugen wie viele weitere von hochherrschaftlicher Dörflichkeit, mit „oben und unten“.

Beim Thema „Dörfer“ in Berlin geht es indes nicht nur um die Reste mittelalterlicher Siedlungen. Es gibt in Berlin, vielleicht noch eindrucksvoller, auch neuzeitliche Strukturen von „Käffern“, in denen Jeder Jeden kennt und der Nachbartratsch auf der Straße lebt. Beeindruckend wiederum zu West-Berliner Zeiten, in denen man den Besucher zum Beispiel nicht nur Dutzende Kilometer hinter die Havel bis nach Gatow und Kladow führen konnte, sondern dort noch einmal durch wogende Weizenfelder, um anschließend dann tief im Tann unerwartet auf den Weiler Habichtswald zu stoßen. Mit ein paar dörflichen Reihenhäusern aus den 1930er-Jahren, gebaut, als der Flughafen Gatow hinterm wiederum nächsten Wald angelegt wurde. West-Berlin war – in manchen Gegenden jedenfalls – unendlich.

Käffer im Stadtinnern, mit Dorfkneipe und Eulen im Baum

Unendlich im Wortsinn, denn auch am Ende ging es bisweilen noch weiter. In die Exklaven, die Dörfer „draußen vor“, also die hinter der Mauer. Fichtewiese und Erlengrund an der Spandauer Havel zum Beispiel, wo man bei den Ostgrenzern klingeln musste, um zu seinen Gartenlauben durchgelassen zu werden. Oder Eiskeller, hinter der Feldmark im äußersten Nordosten, wo es über einen 800 Meter langen Korridor durch die Mauer ging, zu den 20 „Eiskellern“, ihren drei Bauernhöfen und den Kühen, die den Vopos ganz rustikal was muhten. Dörfer, solche mit entsprechenden gesellschaftlichen Strukturen, gibt es aber auch inmitten der Stadt. Gary Schunack hat in seinem 2022 erschienenen Buch „Idyllisches Berlin – Ausflüge in die schönsten Dörfer der Stadt“ 45 davon aufgelistet. Darunter architektonische Kleinode etwa von Bruno Taut, aber auch historisch belastete Ensembles aus der NS-Zeit wie die „Waldsiedlung“ für SS-Angehörige an der Krummen Lanke. Oder die „Fliegersiedlung“ Tempelhof als das am zentralsten gelegene „Dorf“ Berlins mit Gärten hinter den Reihenhäusern – und in der Mitte, wie es sich gehört, seit Jahrzehnten eine Dorfkneipe: die „Pfeffereule“. Aus heutiger Sicht ein treffender Name, denn seit zwei Jahren nisten dort gegenüber tatsächlich Waldohreulen.

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