Kreuzberg. Julia lebt seit vier Jahren in einem Kreuzberger Brennpunkt und will dort nur noch weg. Sie erzählt, was das Schlimmste im Kiez ist
Morgenpost vom 04.10.2025 von Philipp Siebert
Auf den ersten Blick ist der Mehringplatz in Kreuzberg ein gemütlicher Ort. Dennoch nimmt die Verwahrlosung seit Jahren zu.
Soziale Durchmischung sei zwar in der Theorie eine gute Idee, um unterschiedliche Schichten der Gesellschaft zusammenzubringen, findet Julia. „Aber wer es sich leisten kann, zieht einfach weg.“ Seit vier Jahren lebt die 31-Jährige am Mehringplatz in Kreuzberg. Die Gegend am südlichen Ende der Friedrichstraße ist schon länger ein sozialer Brennpunkt. Die Lage hat sich in den vergangenen Jahren offensichtlich nochmal deutlich verschärft. „Man hat richtig Angst“, sagt Julia, die ihren wahren Namen nicht veröffentlicht sehen will.
„Unser Kiez kippt“, hieß es im vergangenen Jahr auch in einem offenen Brief des Quartiersbeirats an den Berliner Senat. Von einer „Abwärtsspirale“ war die Rede. Gewalt, offener Drogenkonsum und Verwahrlosung würden zunehmen. Auch Julia würde gern woanders wohnen, kann es sich aber wie viele andere Berlinerinnen und Berliner auf dem derzeitigen Mietmarkt der Hauptstadt nicht leisten. Stattdessen meidet sie bestimmte Bereiche, vor allem im Gebäude-Halbrund um den Mehringplatz und den U-Bahnhof Hallesches Tor, und verlasse die Wohnung im Dunkeln nach Möglichkeit nicht mehr.
Mehringplatz in Kreuzberg: Nachts plötzlich von Schüssen aufwachen
Dabei fing alles so gut an. „Der Tag der ersten Wohnungsbesichtigung war einer der ersten sonnigen Tage im Mai“, erinnert sich Julia. „Die Wohnung war vollständig leer und lichtdurchflutet und ich dachte nur: ‚Ja, das ist meine Wohnung!‘.“ Ein paar Tage später kam tatsächlich die Zusage vom Vermieter. „Mein damaliger Partner und ich waren so froh, dass uns überhaupt nicht aufgefallen ist, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte.“
Mehringplatz
Seit der Fertigstellung lädt der Platz eigentlich zum Verweilen ein.
Diese Erkenntnis schlich sich bei Julia erst nach und nach ein. Im März 2023 sei sie nachts um zwei Uhr erstmals von Schüssen aufgewacht. Einen Großeinsatz der Polizei, offenbar wegen einer anderen Gewalttat auf dem Mehringplatz, habe sie bereits ein paar Monate zuvor mitbekommen. Den Grund kenne sie bis heute nicht, Gerüchte habe sie aber viele gehört.
Es waren immer wieder einzelne Dinge, die nach und nach die Angst größer gemacht haben.
„Es waren immer wieder einzelne Dinge, die nach und nach die Angst größer gemacht haben“, sagt Julia. Vor allem, seit sie nach der Trennung von ihrem Partner vor knapp zwei Jahren allein lebt. Zuletzt seien ihre offensichtlich drogenabhängigen Nachbarn zunehmend auffälliger geworden. Im Frühjahr sei sie von einem Handwerker auf die Spuren eines Einbruchsversuchs an ihrer Wohnungstür aufmerksam gemacht worden. Er habe sie gewarnt, wie leicht sie mit etwas Gewalt von außen zu öffnen sei.
Die Haustür wird regelmäßig aufgebrochen.
„Die Haustür wird schon regelmäßig aufgebrochen“, sagt Julia. Wer dafür verantwortlich ist, weiß sie zwar nicht, vermutet jedoch, dass es auch mit der Überbelegung mancher Wohnungen zu tun hat. Es gebe mindestens einen Mieter, der nicht in seiner Wohnung lebt und sie wechselnden Dritten überlasse. „Es gibt nicht genug Schlüssel für alle dort.“ Auch Drogenabhängige würden dadurch in die Häuser kommen, was weitere Probleme wie Verschmutzung mit sich bringe. Aber es gebe auch Nachbarn, die sich im Rausch unangenehm aufführen würden.
