Alt-Cölln

Von Horst Peter Serwene, September 2010 
 

Memhardt Plan 1652

Die Siedlungsanfänge von Cölln und Berlin liegen im 12. Jahrhundert durch die Ansiedlung von Kaufleuten und Fernhändlern am Spreeufer. Der Name Cölln lässt vermuten, dass viele Siedler aus dem Rheinland kamen. Durch den Bau des Mühlendamms entstand die „Cöllner Insel", die einen natürlichen Schutz bot und so besonders geeignet war, für den Handel und Umschlag von der Straße auf die Spree.

Die Spree hatte eine große wirtschaftliche Bedeutung. Der Fluss war Verkehrsweg, Warenumschlagplatz, Antrieb von Mühlen (Mühlendamm), aber auch Fischgrund („Fischerkiez"). Hier liegt das eigentliche historische Herz der Stadt. Mit dem Bau des Kurfürstlichen Schlosses ab 1443 entwickelte sich Alt-Cölln über seine mittelalterliche Stadtmauer hinaus („Grüner Hut") und bildete den sogenannten Schlossbezirk. Mit dem Aufbau der Museen im 19. Jahrhundert bis zur Nordspitze war die Bebauung der Spreeinsel abgeschlossen (Museumsinsel).

Der Aufsatz befasst sich mit dem ältesten Teil von Cölln

  • Petriplatz
  • Breite Straße
  • Brüderstraße
  • Fischerinsel („Fischerkiez")

 

Petrikirche und Petriplatz

Luftbild 1920

Durch Gestaltungsvorschläge des „Planwerk Innenstadt" von 1999 und den seit März 2007 laufenden Grabungen kommt der Jahrzehntelange, unter dem Asphalt der Gertraudenstraße liegende, älteste Teil Berlins wieder an die Öffentlichkeit. Der Begriff und die Lage „Alt-Cölln" weckte bis dahin Ratlosigkeit. Nun gibt es einen Bebauungsplan I-218. (siehe Bild 10) „Ziel des Bebauungsplanes ist es, die besondere Bedeutung dieses Ortes wieder erlebbar zu machen" (Informationsblatt der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung). Die GHB hat in einer Stellungnahme zu den Bebauungsplänen 1-14 (Klosterviertel) und I-218 (Petriplatz) Stellung bezogen. (siehe unter: www.ghb-online.de/aktuelles) Hier soll nun die Geschichte von Petrikirche und Petriplatz dargestellt werden.

Da keine urkundlichen Überlieferungen belegt sind, gibt ein Schriftstück aus dem Jahre 1237, in dem der Probst der Petrikirche Symeon benannt ist, als „Gründungsurkunde". Aber Funde der archäologischen Untersuchung weisen darauf hin, dass das Gebiet am Petriplatz älter sein muss.

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Die PETRIKIRCHE(N)

Sie war die älteste Pfarrkirche von Cölln. Durch verschiedene Brände immer wieder zerstört und wiederaufgebaut, verschwand sie am Anfang der 1960er Jahre aus dem Stadtbild und dem Gedächtnis der Stadt.

Von der ersten Kirche zur „Gründungszeit" gibt es keine Ansichten. Ein kleiner Teil ihrer Grundmauern wurde allerdings gefunden.

Die gotische Kirche (1379-1730)

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Die Marienkapelle wurde dann 1505 angebaut. Friedrich Wilhelm I veranlasste 1717 einen repräsentativen Ausbau der Kirche, die einen 108m hohen Turm haben sollte, den höchsten der Stadt.

Im Mai 1730 trafen drei Blitze den neuen Turm und setzten ihn in Flammen. Die Kirche, das Gymnasium und rund 40 weitere Gebäude versanken in Asche.

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Die Barocke Kirche (1733-1809)
Im Juli 1731 wurde der Grundstein für die neue Kirche gelegt und 1733 neu geweiht. Der neue Turm (Grael / Gerlach) sollte bis zu 125m hoch werden, stürzte bei ca. 109m jedoch ein. Der Baumeister Johann Grael musste daraufhin das Land verlassen. Schon kurz nach dem Turmeinsturz hatte man wieder mit dem Neubau begonnen, nach alten Plänen. Durch steigende Baukosten verzögerte sich der Turmbau und wurde nur bis zur Höhe des Kirchenschiffs gebaut. Durch den Tod Friedrich Wilhelm I verlor der Kirchenbau seinen wichtigsten Förderer und verblieb im bisherigen Zustand.

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Auch diese Kirche wurde von einer Katastrophe heimgesucht – im September 1809 fiel sie einem Brand zum Opfer. Der Kirchplatz verkam, mit wenigen Bäumen bepflanzt, zu einer leeren Fläche. (Vorbild für heute?)

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Die neogotische Petrikirche

Erst im Jahr 1847 wurde der Grundstein für die von Johann Heinrich Strack entworfenen neogotische Kirche gelegt und wurde im Oktober 1853 eröffnet. Sie hatte 1500 Sitzplätze und ebenso viele Stehplätze. Der Turm wurde wieder, wie1730, 108m hoch und überragte alle anderen Gebäude der Stadt. Erst in den letzten Kriegstagen wurde die Kirche beschädigt.

Die Kirchengemeinde konnte für die Sanierungsarbeiten im Jahr 1959 nicht aufkommen. So kam es zum Abriss der Ruine in den Jahren 1960 – 64.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die entstandene leere Fläche verkümmerte dann, bis zu den Ausgrabungen ab 2007, zu einem Parkplatz.

 

Das Rathaus am Cöllnischen Fischmarkt

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Das Rathaus Cöllns stand ausgangs der Breite Straße zwischen Scharrenstraße und Gertraudenstraße (siehe Bild 2). Wann das erste Rathaus in Cölln erbaut wurde ist nicht bekannt. Rathaus und Kirche waren der Mittelpunkt der Stadt Cölln. In der Chronik der Stadtschreiber wird das Rathaus zuerst 1580 erwähnt. 1307 kam es zum Zusammenschluss der beiden Städte zur Stadtunion mit Rathaus an der Langen Brücke.

Ein neues Rathaus wurde ab 1710 von Friedrich I für die beiden Stadtverwaltungen Berlin und Cölln gebaut. Nach seinem Tod 1713 ordnete sein Sohn Friedrich Wilhelm I an, dass die Ratstagungen weiterhin im alten Berliner Rathaus stattfinden sollen. 1730 brannte die Petri-Kirche ab, ebenso das Schulgebäude und die Lateinschule. Die cöllnische Schule zog ins Rathaus.

Mit Einführung der Preußischen Städteordnung (1808) zog die Stadtverordnetenversammlung 1822-1870 ins Cöllner Rathaus.

Die Gertraudenstraße und der verbreiterte Mühlendamm wurden immer mehr von Straßenbahnen und Omnibussen befahren. So beschloss 1900 der Magistrat den Abriss des Cöllnischen Rathauses. Auf schmalerem Grundriss errichtete der Kaufhausbesitzer Rudolph Hertzog ein Geschäftshaus und an der Breite Straße und Scharren Straße das Kaufhaus, das zum Teil heute noch erhalten ist.

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In den 1960er Jahren wurden dann die Ruinen beseitigt. So entstand die bis heute bestehende Freifläche zwischen Breite Straße und Kleine Gertraudenstraße.

(siehe Lage der neogotischen Kirche)

 

Der Bebauungsplan I-218

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„Der Bebauungsplan I-218 soll die rechtliche Voraussetzung schaffen, diesen Teil der Spreeinsel entsprechend seiner besonderen historischen Bedeutung wieder in Wert zu setzen. Dazu ist es notwendig ... die Verkehrsschneise der Gertraudenstraße ... umzugestalten ...." (Sen Stadt)

Die sechsspurige Straßenführung, dazu eine Straßenbahntrasse der Leipziger Straße / Gertraudenstraße zerschneidet so weiterhin den Altstadtkern fast in jetziger Breite. Ein Platzgefüge kann so schwerlich entstehen. Trotz des Beschlusses des Gemeindekirchenrates von St. Petri / St. Marien ist keine neue Kirche bzw. Gemeindehaus auf altem Kirchenareal im Bebauungsplan vorgesehen. Laut Aussage des Gemeindepfarrers Hr. Hohberg plant die Gemeinde einen „interreligiösen Sakralbau". Eine Machbarkeitsstudie wurde in Auftrag gegeben. Bei Änderung des Bebauungsplanes hofft man auf eine Grundsteinlegung im Jahr 2012. Die GHB wünscht sich, dass ein evtl. Gebäude auch ein Erinnerungsort an die alten Petri-Kirchen wird, die symbolisch den Gründungsort Cöllns (damit Berlins) darstellen. Die weiteren Bauten am Petriplatz sollten in moderner Gestaltung historische Bezüge zum Cöllner Rathaus (Breite Straße) und zur Alten Waage (Petriplatz) aufnehmen.

 

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Die Entwürfe des Architekten Nöfer gehen in diese Richtung, könnten den historischen Bezug noch mehr verdeutlichen (siehe Bild 8). Die Neubauten zur Kleinen Gertraudenstraße sollten auf die bestehenden historischen Bauten in Kleinteiligkeit und Fassadengestaltung Bezug nehmen.

Die Breite Straße  

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Im 14. Jahrhundert vermutlich nur in Marktnähe bebaut, wurde sie im 17. Jahrhundert die breiteste und wohlhabendste Straße. So bekam sie auch ihren Namen. Öffentliche Bauten, Kaufleute und Hofbeamte sorgten für ihren repräsentativen Charakter. Die Baumeister Matthias Smids (Alter Marstall), Andreas Schlüter und Karl Friedrich Schinkel gehörten zu ihren Bewohnern.

Leider ist von dem Ensemble durch Krieg und Nachkriegsabriss nur wenig erhalten geblieben. Die Straße wurde drastisch verbreitert und die Westseite völlig abgerissen. Das älteste vorhandene Gebäude ist der Alte Marstall.

17.alter_marstall_1665-70

 

Von der ursprünglichen Vierflügelanlage von Matthias Schmids (1665-70) ist heute nur noch das Hauptgebäude erhalten. Beim Wiederaufbau 1961 wurde die frühbarocke Fassade mit Mittelrisalit und Rundbogenportal wiederhergestellt.

18.ribbeckhaus_1624

 

1624 wurde es für den Hofbeamten von Ribbeck errichtet. Es war ein Traufenhaus mit vier Zwerchhäusern und zwei Geschossen. 1803 wurde es um ein Geschoss erhöht und die Zwerchhausgiebel etwas verändert. Nach den Kriegsbeschädigungen wurde 1959 in Anlehnung an den Zustand des 17. Jahrhunderts das Haus restauriert. Die historisierenden Fassadendekorationen des 19. Jahrhunderts wurden zurückgebaut.

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Ein Beispiel für die repräsentativen Gebäude der Breiten Straße ist das um 1770 ausgebaute Ermeler Haus. Dass für den Lederfabrikanten Damm gebaute Haus wurde 1804 an den Tabakfabrikanten Neumann verkauft. Der ließ das Haus klassizistisch umbauen und mit Palmetten- und Rankenfriesen versehen. 1824 übernahm Tabakfabrikant Ermeler das Haus und ließ über dem Eingang ein Relief anbringen, das den Tabakhandel darstellt.

1967 wurde das Ermeler Haus für die Verbreiterung der Breiten Straße abgetragen und in einer Baulücke Am Märkischen Ufer wieder aufgebaut.

Die Brüderstraße

20.brderstrae_1935

Die ursprünglich vom Petriplatz zum Dominikaner Kloster (daher der Name), später zum Schlossplatz, führende Brüderstraße wurde bevorzugter Wohnort wie die Breite Straße. Durch den Bau des DDR-Staatsratsgebäudes sind die nördlichen Grundstücke durch die Gartenanlage bis zur Neumannstraße. Abgetrennt, vom übrigen Stadtgebiet isoliert. Drei denkmalgeschützte Gebäude blieben erhalten.

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Das Nikolai-Haus ist eines der bedeutendsten Zeugnisse der Kunst- und Architekturgeschichte. Es vermittelt noch von Maßstab und Gestaltung (innen wie außen) her einen Eindruck barocker Bürgerhäuser. 1670 auf mittelalterlichen Grundstücken errichtet, erhielt das Gebäude seine heutigen Proportionen bei einem Umbau 1710. Die Gliederung in Risalite mit genuteten Lisenen und dem Mansardendach mit Konsolgesims zeigt die typische Charakteristik des frühen 18. Jahrhunderts.

Der Verleger und Schriftsteller Friedrich Nicolai ließ 1787 von Karl Friedrich Zelter im Inneren umgestalten und einen Seitenflügel anbauen, sodass ein geschlossener Innenhof entstand. Von 1952 – 1990 nutzte das Haus die Denkmalpflege der DDR. Ab 2000 wird das Haus von der Stiftung Stadtmuseum Berlin genutzt.

In Zukunft soll es Sitz des Suhrkamp-Verlages werden.

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Das „Galgenhaus" wurde um 1688 für einen Hofbeamten errichtet. Trotz klassizistischer Umbauten 1805 (Portalrisalit, Rankenfries ...) sind mit Rundbogenportal, Putzquarderung im Erdgeschoss und die schmiedeeisernen Gitter die repräsentative Bebauung der Brüderstraße des 18. Jahrhunderts erkennbar. Die Fassade wurde 1963 wieder hergestellt. Heute wird sie von der Stiftung Stadtmuseum Berlin genutzt.

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Das Warenhaus Rudolf Hertzog wurde 1839 in der Breiten Straße gegründet und dehnte sich als Komplex zwischen Breite Straße, Scharrenstraße und Brüderstraße aus. Nur der Gebäudeteil Brüderstraße 26 ist noch erhalten. Ab 1908 errichtet, verzichtete der Architekt Hochgürtel auf ein durchlaufendes Fensterband, sondern schuf Bogenfenster, die sich in die Front der Bürgerhäuser einfügen. Steht zurzeit leer.

 

Die Fischerinsel („Fischerkiez")

wurde das Viertel zwischen Gertraudenstraße und Spreekanal genannt.

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Sie gehörte zu den ältesten Wohnstraßen Berlins – trotz ihres romantischen Aussehens aber mit sehr schlechten Wohnbedingungen.

Nach den Kriegszerstörungen wurde die gesamte Fischerinsel in den Jahren 1965–73 abgerissen.

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Auch die in den Jahren 1670 vom Großen Kurfürsten angelegte Gracht nach holländischem Vorbild, zum Teil nach 1945 noch aus bedeutenden Barockbauten bestehend und gut erhalten, überstanden den Abrisswahn nicht.

 

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Nur noch drei Brücken sind original erhalten, die die Fischerinsel mit Neukölln am Wasser verbinden. Die Roßstraßenbrücke verbindet die Breite Straße mit der Neuen Roßstraße über die einzige Durchfahrts-Straße, Fischerinsel genannt. (ehemals Roßstraße)

Bestimmt wird die Fischerinsel durch die sechs Wohnhochhäuser der 1970er Jahre, umgeben von Grünanlagen. Die Kleinteiligkeit der Straßen und Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert ist ausgelöscht.

 

Literaturempfehlungen

  1. Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins (Heft2/2009)
  2. Hans Stimmann, Berliner Altstadt, Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte, Dom publishers
  3. Bebauungsplan I-218, „Petriplatz / Breite Straße", Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
  4. Cölln an der Spree, Hansjürgen Vahldiek